Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. September 1950 (Tübingen)


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Tübingen, 10.9.50.
Meine einzige Freundin!
Es bekümmert mich, daß Du wieder hingefallen bist. Ich weiß nicht, ob man das durch gesteigerte Vorsicht verhüten kann? Die Folgen können recht schlimm sein; wie geht es denn jetzt? – Nicht gut zu verhüten sind Besuche von auswärts, die den täglichen Lebensrhythmus außer Takt bringen. Mir wird das zunehmend lästiger, obwohl ich mich über die Begegnungen als solche freue.
Heute vor 8 Tagen hatten wir gleich 2 solcher Zugewanderten. Der eine war der Olympiaden-Diem, jetzt Köln, der zur Gründung des Deutschen Turnerbundes herkam. Aus diesem Anlaß habe ich auch an einigen Veranstaltungen teilgenommen. Das Wetter war nicht günstig. Außerdem habe ich ihn nach Bebenhausen geführt, wobei zum 1. Male das Innere besichtigt wurde. Einiges ist ganz lohnend; ein kleines Maulbronn. – Der andere Fall interessiert Dich vielleicht. Es war ein altes Frl. Erika Wahnschaffe – urältester Bekanntschaft mit den Conrads, jetzt
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| in Lübeck wohnhaft. Sie war in Mauren bei Böblingen zu Besuch bei Frl. v. Dusch und Frau Löwis of Menar. Von dort kam sie – mit 72 Jahren – trotz unsres Abratens [über der Zeile] per Rad nach Tübingen. Auf der Hinfahrt wurde sie pitschnaß. Außerdem ist sie stocktaub, so daß mir wenigstens jedes eigentliche Gespräch unmöglich war. Sie blieb eine Nacht bei uns.
Gleich nach der Rückkehr aus Lenzkirch war ich auch wieder bei Frl. Héraucourt. Diesmal stand es leider recht schlecht. Ein Zahnarzt, der einen Zahn ansehn sollte, hat ihn ungefragt mit Injektion gezogen. Das hat wieder tagelang aufs Herz gewirkt. Ich sah sie auf dem Gang gehen – wie ein Ausrufungszeichen. Und sie war diesmal auch recht mutlos.
Sonst habe ich sehr eifrig gearbeitet, Kilometerweise gelesen. Eine Unterbrechung kam am Donnerstag, wo ich hier als Zeuge in dem Prozeß Univers. Erlangen gegen Günther (!) aussagen mußte, in Gegenwart beider Anwälte, 1½ Stunden lang. Der Vorsitzende war sehr angenehm. Der eine Anwalt hatte wenig Manieren. Er versuchte es mit der Methode des Zeugen-Ausmelkens, womit er bei mir an den
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| Verkehrten kam.
Gestern früh – bei strömendem Regen [über der Zeile] , mußte ich vor 8 nach Rottweil fahren, um beim 1. südwürtt. Lehrertag die Festrede zu halten. An der Bahn stand für mich – Rottweil feiert in dieser Woche sein 800jähr. Jubiläum – eine gelbe Postkutsche aus den 70er Jahren bereit; dazu ein hübsch geschmückter Postillon. Das Pferd war nicht so feurig wie die Fanfaren, die er erklingen ließ. Es streikte schon nach 30 m. Aber schließlich brachte es mich und meine 2 Begleiter doch die Anhöhe zur Stadt hinauf. Alles verlief wieder sehr merkwürdig und ohne Zeiteinteilung. Es war doch wieder ergreifend, mit welcher lauten und langen Kundgebung ich von den über 700 Anwesenden begrüßt wurde. Ich glaube, mit meinen Worten, trotz größter Zusammendrängung, das Hingehörige gesagt zu haben, und erntete endlosen Beifall.
Für die Besichtigung der Stadt blieb mir leider nicht so viel Kraft und Zeit, wie sie verdient hätte. Es ist die erste imposante mittelalterl. Stadt, die mir in Südschwaben begegnet ist (vergleichbar mit Eger.) Hauptteil so angelegt <Zeichnung eines Straßenkreuzung>, bei sehr breiten Straßen. Außer einigen Kirchen ist vor allem
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| das Museum in der Lorenzkapelle (auch schöner Blick) sehenswert. Eine ungewöhnlich reichhaltige Sammlung wertvoller Holzplastiken von 1400 u. 1500. Schade, daß wir nie dorthin gekommen sind. Nur der anonyme Reisende kann sich so etwas in Ruhe ansehn. – Im Personenzug retour traf ich dann noch 3 Lehrer, darunter den neuen Rektor v. Alpirsbach, der bisher in Altensteig war.
Heute besuchte uns der Pfarrer Hennig, ehemals Tokyo, mit seiner jungen Frau, geb. Flitner, und jetzt muß ich [über der Zeile] wir nach Kreßbach, wo der Kollege Schweitzer wohnt. Du siehst, es ist bei dieser bunten Existenz nicht ganz leicht, auch noch etwas zu arbeiten. Nachtrag: der Orientalist Richard Hartmann aus Berlin-O war auch hier. Aus diesem Anlaß wurden wir abends zu unsrem berühmten Orientalisten Littmann eingeladen. Von dort schwammen wir nach Hause.
Morgen früh Comité culturel mixte und nachm. Prüfungen.
Beiliegender Brief ist schon einige Tage hier. Sei doch so gut und schreibe mir auf einer Karte, ob der "Fall" nichts Spürbares hinterlassen hat. Gehe langsam und hebe die Füße in Eurem Nest!!
Innigste Wünsche und Grüße
Dein
Eduard