Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. September 1950 (Tübingen)


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Tübingen, 19. September 50.
Meine einzige Freundin!
Aus Deinem lieben Brief habe ich mit Betrübnis den Eindruck gewonnen, daß der Besuch von B .v. A. in Verbindung mit sonstigen Umständen nicht günstig gewirkt hat. Alte Leute dürfen nicht aus ihren Gewohnheiten herausgerissen werden und müssen ihre tägliche Freiheit behalten. Auch mir sind Besucher, die als Persönlichkeiten willkommen sind, doch eine Störung, wie der am 27.9. zu erwartende – vorläufig unbefristete – von Hedwig Koch.
Wir wollen doch mal die von Dir ins Auge gefaßte "Umstellung" näher überlegen. Der Preis von 130 M – es kommt natürlich allerhand hinzu – darf, soll und wird kein Hindernis sein. Aber von fast allen Deinen Möbeln müßtest Du Dich trennen. Bei einer Auktion durch einen Mann, der nicht ausbeutet, kämen ein paar hundert M wohl heraus. Es wäre notwendig, daß zur Erledigung dieser Dinge jemand von Deiner Familie – wenn er praktisch genug ist, Hermann selbst – für mindestens 2 Wochen
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| nach Heidelberg käme. Vorher aber müßtest Du anfragen, ob und wann in dem betr. Hause etwas frei wäre. Das wäre ev. erst zum 1. April – wenn überhaupt. Aber man muß ja vorbelegen.
Konkret gesehen, wird manches schwerer und auch schmerzlicher sein, als man sich's beim Fernplan vorstellt. Da sind Bilder, Bücher, Geräte, die Dir lieb sind, die Du aber nicht alle mitnehmen kannst, wenn Du Dich in dem voraussichtlich kleinen Zimmer auch noch umdrehen willst. Im Alter sind solche Trennungen nicht einfach; aber den Ausgebombten ist ja noch mehr zugemutet worden.
Ich komme voraussichtlich Ende Oktober noch einmal durch Heidelberg. Bis dahin hast Du vermutlich die notwendigen Erkundigungen eingezogen, und wir können dann alles eingehend erwägen.
Vielleicht ließe sich ein Teil des Beabsichtigten auch anders erreichen. Es ist wirklich zu viel Aaron Wassertrum um Dich. Du solltest einmal einen Althändler kommen lassen (wie ich es 1911 in der Kantstr. getan
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| habe) und so viel weggeben, daß Du wieder eine übersichtlichere Umgebung bekommst; dies aber ziemlich radikal. Vom Erlös lassen sich 1) einige zweckmäßige Neuanschaffungen machen; 2) eine häufiger kommende Haushilfe zunächst für den Winter bezahlen.
Zweimal in der Woche, bei gutem, nicht glattem Wetter, solltest Du auswärts zu Mittag essen, natürlich möglichst nah. Das erspart Nachdenken und Arbeit. Zu Hause kannst Du einfache Sachen kochen – Eier, Würstchen sind nahrhaft; statt Gemüse öfter Kompott, das man ja fertig kaufen kann. Nur keine Knauserei; das wäre ganz gegen meinen Wunsch und würde meine Ruhe sehr beeinträchtigen.
Sofort kannst Du die neue Stundenfrau, von der ich noch nichts gehört habe, häufiger kommen lassen und sie – wenn sie die richtige ist – so gut bezahlen, daß sie anhänglich und gefällig wird.
Ich kann ja praktisch nicht viel raten, aber bei Dir muß der gute Wille zur Selbstentlastung viel stärker werden.
Übrigens war die gewitterreiche Zeit für alle Menschen recht angreifend. Jetzt ist es schon recht kühl. Sei kein Geizhals und lasse Dir gleich heizen, wenn es nötig ist. Andernfalls belastest Du mich mit Sorge.
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Am Sonntag 24. ist Comburg – ohne Übernachten. Vielleicht fährt der Minister Bäuerle mit. Jedenfalls stellt er das Auto von Canstatt ab. Am 1. oder 2.X. werden wir nach Zürich fahren. Pässe mit Visum sind schon da. Im Höchstfalle können wir 4 Tage in der Schweiz bleiben. Reichen die Franken, berühren wir vielleicht auch St. Gallen (mit 3 Freunden, u. a. Dr. Steiger.)
Alfred Webers dickes Buch habe ich vor 14 Tagen von vorn bis hinten gelesen (aber noch nicht das neue Kapitel in der 2. Auflage.) Es sind soeben noch 2 andere Werke erschienen, die sich ungefähr die gleiche Aufgabe stellen, von Rüstow (sehr altem Bekannten) und von H. Freyer (früher Leipzig.) Durch Rüstow bin ich schon durch. Freyers Weltgeschichte umfaßt 1000 kleine Seiten. Eben stehe ich bei 675. Webers Werk ist sehr gelehrt, hat aber den schauerlichen Stil der Familie. Du siehst, ich muß im Rekord lesen. Die Mss. dieser Ferien betragen auch gegen 1000 Seiten, von denen bis jetzt nur ca 500 bewältigt sind.
Ich fürchte, Du hast von Alfred Lienhard und Gertrud nur den 1. Teil gelesen, wie die meisten. Es sind aber 4 Teile. Mindestens 2 u. 3 enthalten noch Schönes. Es kommt auch darauf an, daß man die Erstauflage hat (1781/3/5/7) die anderen hat der Autor verdorben.
Hier ist ein Kongreß nach dem anderen; außerdem läuft eine Staatsprüfungsperiode mit 24 Kandidaten für mich.
Ich wünsche innigst, daß die Besserung Deines Befindens anhält, aber auch, daß Du alles dafür tust, <li. Rand> was zweckmäßig ist.
In steter Sorge und täglichem Gedenken
Dein Eduard.