Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. September 1950 (Tübingen)


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Tübingen, den 30. Sept. 50.
Meine einzige Freundin!
Du weißt ja, daß ich eine Verabredung mit Dir nicht aufgebe, wenn ich sie irgend durchführen kann. Und es tut mir natürlich furchtbar leid, daß ich Dich vergeblich alarmiert, vielleicht sogar aufgeregt habe. Der Sachverhalt war dieser: Eine Erkältung, die sich schon in der Nacht vor der Abreise nach Marburg äußerte, stieg in der 2. Nacht dort so, daß ich in einiger Sorge war; beim Atmen machten sich die alten Stellen am Rippenfell rechts bemerkbar. Das eigentliche Leiden war aber wohl die Nervosität und Unruhe, die ich schon seit 8 Tagen an mir beobachte. So malte ich mir in der Nacht in dem ungemütlichen Hôtel aus, daß ich in irgendeiner der 4 Universitätskliniken unterwegs hängen bleiben könnte. Schließlich schien es mir besser, schon den Zug 7.16 zu benutzen, der mir die Möglichkeit glatten Durchfahrens bis Stuttgart gab. Andernfalls
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| hätte ich in Frankfurt nur 5 Minuten zum Umsteigen gehabt, und für die Fahrt nach und von Rohrbach hätte gestern die Kraft nur schwer gereicht. Was ich nun dem Körper bequem machte, das warf ein Gewicht auf meine Seele, die während der ganzen Fahrt mit der Entscheidung doch unzufrieden war.
In Stuttgart hatte ich ½ Stunde Aufenthalt, fuhr dann im Eilzug II. Kl. nach Tübingen und nahm sogar zum 1. Male ein Auto vom Bhf. zur Rümelinstr. Dort legte ich mich 2 Stunden ins Bett, stand aber – ohne Fieber! – wieder auf, als Susanne mit Hedwig Koch von der Achalm zurückkam. Heute ist nur noch ein maßvoller Schnupfen da, allerdings viel Müdigkeit. Aber ich denke doch, daß wir morgen Mittag fahren können. Hier droht nämlich ab morgen so viel Unruhe, daß es auf der Reise auch nicht schlimmer sein kann.
Nun muß ich aber zunächst für Deine Sendung danken: die Chokolade, die ich ganz allein in der Bahn aufgefressen habe,
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| weil ich nicht in den zugigen Speisewagen gehen wollte, für das Messer, das hier einer geschlossenen Front der Mißachtung begegnet, [über der Zeile] für die Zigarren, für die Cuts und vor allem für Deine lieben Zeilen.
Die Fahrt nach Marburg ging – seltsamer Weise – über Graben-Neudorf, Mannheim, Friedrichsfeld (!). Die Rückfahrt über Frankfurt, Biblis, Mannheim, Graben-Neudorf, Bruchsal. (Nur gestern konnte ich Speyer deutlich sehen.) In Marburg war ich um 22 Uhr. Dort wäre ich ziemlich hilflos gewesen, wenn nicht die gute Sekretärin des Verstorbenen, die ich garnicht kannte, an die Bahn gekommen wäre. Sie hat auch den Kranz besorgt. Am Tag der Beerdigung war ich bei den beiden (schicksalreich verwitweten) Töchtern schon am Vormittag. Beide sind mir niemals näher bekannt gewesen. Um 14 Uhr war die Trauerfeier. Es gab eine seltsame Rede von hochrhetorischem Glanz, bei der alle Anwesenden bedauern mußten, noch nicht in die Herrlichkeit der Geistesfülle eingegangen zu sein, die dem Verewigten bereits gehörte; aber sehr gute Musik. Ansprachen bei der Kranzniederlegung waren verboten (vom Verstorbenen selbst.) Das erleichterte mir die Aufgabe; denn eine gute Ansprache am offenen Grabe ist das Schwierigste, was es gibt. Hinterher fanden sich die Auswärtigen
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| im Trauerhause zusammen. Das Schönste war der Anblick von Carossa, über dessen Gesicht das Dichterische wie eine Verklärung liegt. Ihn, Beutler, Bertram (Fahrt nach Marienbad) und manchen sonst habe ich gesprochen. Aber von 17 an war ich allein. Ich bin im Gefühl dieser Freiheit noch in der Dämmerung auf das Schloß gegangen. Das war wohl falsch. Aber in dem ungeheizten Hôtelkäfig hätte ich auch nicht 2 Stunden bleiben können.
Ich bitte Dich sehr, mir ein paar Zeilen, wie es Dir geht, bald nach Ankunft dieses Briefes auf einer Karte zu schreiben nach Zürich 32, Kempterstr. 7 (Prof. Zollinger.) Das erreicht mich wohl am Mittwoch noch. Wir werden Montag bis Donnerstag früh in Zürich bleiben. St-Gallen ist vorsichtshalber aufgegeben, weil es dort rauh ist und die 3 Freunde in ganz verschiedenen Stadtteilen wohnen. Donnerstag machen wir Station in Winterthur (Dr. Dejung, Pestal.-Ausg.) und fahren von dort nach Konstanz heraus, wo wir mit deutschem Gelde übernachten wollen.
Aus meiner Arbeit bin ich seit 8 Tagen (Comburg) gänzlich herausgerissen. Nun – heute ist ja auch der letzte Tag vor meiner Emeritierung, die sich bisher nur durch geringere, aber immer noch voll ausreichende Zahlung bemerkbar macht. Hedwig Koch ist heute Mittag abgereist. Zu Mittag war der von mir kreierte Dr. Grigori da, der nun wieder in seine Heimat Asser<li. Rand>beidschan strebt. Frau Flitner wird uns doch noch vor der Abfahrt aufsuchen. Du siehst: wir müssen nur immer "bereit stehn". – Zum Schluß bitte ich Dich noch einmal, mir nicht zu zürnen. Ich hoffe noch im Oktober auf ein Wiedersehn.
<re. Rand>
Laß es Dir möglichst gut gehn! Innigste Grüße Dein Eduard.