Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Oktober 1950 (Tübingen)


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Tübingen, den 13. Oktober 50.
Meine einzige Freundin!
Bei meiner Rückkehr fand ich hier Deinen lieben, vom 1.X. abgestempelten Brief. Ich bin etwas auf weitere Nachrichten begierig, weil ich wissen möchte, ob Dich der neue Besuch wieder derangiert hat. Hoffentlich nicht – sondern verlief das Wiedersehen im ganzen wohltuend. – Warum aber waren die Winterkohlen noch nicht da? Es ist doch mindestens schon 14 Tage her, daß man sie braucht. Wenn Du zu Hause frieren mußt, bleibt gar keine Stimmung mehr übrig.
Bei mir ist sie ziemlich weit unten. Wir warten nun schon 5 Tage auf das Kommen von Louvaris. Ich kann keine anderen Verabredungen treffen, mir meine Arbeit nicht einteilen. So war der Zustand schon vor der Fahrt nach Marburg, so ist er wieder vor der nach Saarbrücken – und dann ist die Zeit der freien Arbeitsmöglichkeit vorbei.
Auf der Reise kam mein Bronchial-
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|tharr erst voll zur Entwicklung. Der liebe Freund Zollinger ist recht schwerhörig geworden; außerdem ist er das Hoch- und Norddeutsch nicht gewöhnt. So mußte ich am 1. Tage meine Stimme sehr anstrengen; die Folge war, daß der krampfartige Husten immer schlimmer wurde. Erst jetzt läßt er nach (ebenso wie die rheumatischen Empfindungen rechts verschwunden sind.) Den ergiebigen Schnupfen aber werde ich wohl den ganzen Winter behalten. (wie schon oft.)
Die beiden Karten von der Reise wirst Du erhalten haben. In Konstanz haben wir den Geldbeutel viel mehr anstrengen müssen als in der Schweiz. Dafür war das Hôtel behaglich. Am letzten Vormittag machten wir noch den "Abschlußweg", den wir 1939 zu dreien gegangen sind, diesmal aber bis Horn hinter St. Jakob. Der Nebel hinter dem See lüftete sich erst um 12 Uhr, wo wir nichts mehr von der Sonne hatten.
Diese Woche habe ich mich geschont, so gut es ging. Jetzt ist hier wieder die bekannte Temperatur: morgens 2°, mittags 25°.
Gestern bewegten mich 2 Ereignisse: ein sehr freundliches Schreiben unsres Kultministers mit der offiziellen Emeritierung.
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| Die technische Regelung ist mal wieder beim ersten Anlauf mißglückt; man hat sich entschuldigt und versprochen, daß alles, auch das Finanzielle, wie bisher bleiben soll. – Sodann erhielt ich den letzten Gruß von Nicolai Hartmann durch einen Teilnehmer des Bonner Philosophenkongresses. Er hat seine Emeritierung nur um 8 Tage überlebt. Erschüttert aber hat mich die vor 1 Stunde eingetroffene gedruckte Anzeige: die Adresse ist von seiner eigenen Hand geschrieben. – – Wir hatten noch vor 3 Monaten einen herzlichen Briefwechsel. – –
Ich bin etwas zaghaft geworden mit dem Reden von meinen Plänen. Aber verschweigen kann ich sie doch auch nicht. Also: am Samstag[über der Zeile] 21.X. muß ich nach Saarbrücken fahren. Am Sonntag um 11 ist mein Vortrag. Offen ist noch, ob ich schon am Sonntag so gegen 16–17 wegfahren kann oder erst am Montag um 8. Ich möchte dann den Weg über Heidelberg nehmen. Jetzt wird man ja am Bahnhof ein Zimmer bekommen. Dieserhalb will ich mich mit Quelle-Meyer in Verbindung setzen. Alles Einzelne muß der Entwicklung überlassen bleiben. Es ist auch
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| sonst noch viel zu erzählen, was nicht in einen Brief paßt. Von Dir erhoffe ich nur eine Karte über Dein Befinden; die vom 3.10. nach Zürich ist das Letzte, was mir zugekommen ist.
Ich bin damals (am 29.9.) über Mannheim gefahren; das habe ich ja schon geschrieben.
Den Film "Die Nachtwache" kenne ich leider nicht.
Es ist heute schon wieder einmal Eröffnung eines Kongresses. Ich muß also fort und schließe für heute. Du weißt, wie ich immer mit Sorge an Dich denke. Es würde mich beruhigen, wenn dazu kein besonderer Anlaß wäre.
Viele herzliche Grüße
Dein getreuester
Eduard.