Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. November 1950 (Tübingen)


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Tübingen, den 14. November 50.
Meine einzige Freundin!
Um Gottes willen keine Beunruhigung des Herzens! Wir wollen den Tatbestand mit der Kraft unsrer Liebe und mit der Weisheit unsres Alters betrachten. Aber Du mußt mir versprechen, die volle innere Sicherheit wiederzugewinnen. Andernfalls würdest Du mich sehr schädigen und auch Susanne Unrecht tun. So komplizierte Seelenfragen in einem Brief zu behandeln, ist freilich fast unmöglich.
Ich muß historisch zugeben, daß das unliebenswürdige Verhalten von Susanne bei Deinem Besuch im Spätsommer 1948 mir damals einen schweren Stoß versetzt hat. Nachdem Jahre lang alles ganz gut gegangen war – nach zweimal Marienbad und einmal Königstein – war mir diese Wendung fast unverständlich, und ich
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| habe schwerer darunter gelitten, als irgend jemand weiß.
Als ich im Frühjahr 1949 in Überlingen war, erhielt ich von Susanne einen Brief, [von fremder Hand?] (!) in dem sie ihr Verhalten vom Spätsommer ihren "seelischen Selbstmord" nannte und um völliges Vergessen bat. Ich nehme an, daß ihre Briefe an Dich von damals diese Selbsteinkehr auch deutlich gespiegelt haben werden. Denn darauf darfst Du Dich verlassen: verstellen kann sie sich nicht.
Seit diesem Frühjahr 1949 ist hier voller Friede. Was zurückgeblieben ist, liegt allenfalls auf meiner Seite: ich mache keine Versuche mehr zur Dreieinigkeit. So bin ich auf S.s Vorschlag, Dich hierher einzuladen, nicht eingegangen. Ich habe alles verziehen, aber ich kann nichts dafür: vergessen kann ich nicht.
Du darfst überzeugt sein: Susanne hat uns unser Zusammensein niemals mißgönnt. Sie hat für uns beide volles Verständnis und freut sich für mich, wenn wir uns treffen.
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| Aus welchem Winkel der Seele damals der überraschende Ausbruch kam, habe ich mir natürlich aufs tiefste überlegt. Ich sehe 2 Möglichkeiten: eine sonst ethisch hochstehende, selbstbeherrschte Frau könnte wohl einmal vom Teufel verführt werden, zu denken: "fast 20 Jahre habe ich geworben; hätte mein Leben nicht anders verlaufen können?" Wahrscheinlicher ist mir das andere, die Einsicht, daß gewisse Seiten des Herzens und des Geistes in ihr nicht so sensibel sind, wie bei uns, und daß ihr alles Aussprechen des Tiefsten sehr sauer wird. (Vgl den Brief nach Überlingen.) Ich möchte dieses Gefühl nicht Eifersucht nennen, sondern Trauer über eigne Begrenztheit. So etwas bricht dann plötzlich mal durch, in unbeherrschtem Augenblick.
Was ich nun von der Reife Deines Alters erbitte, ist dasselbe, wozu ich gereift bin: nämlich Menschen nicht ändern [über der Zeile] zu wollen, die Seelen so zu nehmen, wie sie sind, und dich diesen Geheimnissen friedlich und willig zu fügen. – als Gottesschickungen, wenn Du willst.
Es ist ja jetzt alles so gut, wie es sein kann. Du hast Dich stets, bis in jede
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| Wortnüance hinein, ebenso zart wie groß verhalten. Niemand hätte ein Pünktchen anders wünschen können. Susanne hat den besten Willen und hat das – ich wiederhole – Dir gegenüber schon brieflich bezeugt; nur wird sie befangen bleiben, weil sie einmal einen (dummen) faux pas gemacht hat. Ich stehe insofern am schlechtesten zwischen zwei Tugendhaften, als ich Susanne an Dir nur noch wenig Anteil gebe, was man in der Pädagogik "natürliche Strafe" nennt. Aber ich will mich bemühen, das zu ändern; es wird in Deinem Sinne sein. Ich denke, so zu leben ist würdig für uns alle drei. Wir wollen das ohne alle "Residuen" freudig und auch unbefangen weiter so sein lassen.
Ich füge noch etwas Notwendiges hinzu, nach dem ich gegen meine Frau ein wenig vorwurfsvoll zu sprechen Anlaß hatte. Du weißt: ich liebe sie, natürlich, von ganzem Herzen. Aber ich bewundere sie auch. Sie ist in einem Grade tapfer, von dem ein anderer keine Vorstellung hat. Wie sie diese Eigenschaft, besonders in den letzten Jahren, an meinem Leben betätigt hat, ist Dir bekannt, vielleicht nicht in allen Einzelheiten schwerster Tage. Nicht bekannt ist Dir jene entsetzliche Nacht unmittel
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|bar nach der Eroberung, die ewiges Schweigen decken muß. Von ihr kein Wort der Klage! Wenige Tage darauf, in ähnlicher Situation, waren wir entschlossen bis zum Griff in die Tasche, gemeinsam zu sterben. Dann die plötzliche Flucht von Berlin – nur Tatkraft, kein Wort der Klage. Noch heute beschwert sie mich nie durch Erwähnung der Schwester, die sie in den gefährdetsten Umständen zurücklassen mußte. Und vieles andere! Eine Natur, die so etwas aufbringt, muß wohl auch einmal etwas rauh scheinen. Das brach dann jenes eine Mal auf.
"Gönne dieser guten Seele,
die sich einmal nur vergessen,
die nicht ahnte, daß sie fehle,
Dein Verzeihen angemessen!"
Ich bitte Dich, sei gut zu Susanne wie immer, als sei nichts vorgefallen. Und mache Dir keine quälenden Gedanken. Wir, Du und ich, haben uns schon früh versprochen, im Leben über dem Leben zu stehen. Die wahre Liebe hält alles. Alles ist schon geheilt.
Innigst Dein
Eduard.

[] Alte Leute müssen alles zum Besten kehren!