Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. November 1950 (Tübingen)


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Tübingen, den 27. November 50.
Meine einzige Freundin!
Vielleicht wäre es besser, wenn ich heute nicht mehr schriebe. Denn ich bin recht müde. Aber ich möchte die Pause nicht zu groß werden lassen.
Du hast sehr lieb an Susanne geschrieben, ganz in dem Ton, der recht ist und der auch unverkennbar Echo findet. Aber das Thema unsrer letzten Briefe wollen wir nun ruhen lassen, nicht etwa so, wie man um Beunruhigendes herumgeht, ohne es mit Namen zu nennen. Wir haben es mit Namen genannt. Durch Reden ist nichts weiter zu gewinnen. Auch im Tun kann man nichts erzwingen. Das Leben rückt alles allmählich so zurecht, daß es vor Gott bestehen kann. Du hast alles getan, was möglich war, vielleicht eher zu viel als zu wenig. Laß sich das etwa in dem Sinne ausbalanzieren: der Gegensatz wäre ja garnicht da, wenn hier nicht die eine Liebe der anderen über zu sein strebte. Am reifen
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| Ende steht die Erkenntnis, daß alle Liebe aus dem gleichen tiefsten Quell herkommt. Aber das muß man abwarten können. Ich wähle den stärksten Ausdruck für meine Auffassung: Ich bin überzeugt, wenn ich heute stürbe, daß Ihr morgen die nächsten miteinander sein würdet.
Aber, wie gesagt: das kann und soll nun ruhen ohne jede Beunruhigung und besondere Kraftanstrengung.
Wir hier sind seit heute Nachmittag in Sorge durch die Nachricht, daß Jenny mit einer Armverletzung im Potsdamer Krankenhaus liegt; die Mitteilung ist so undurchsichtig, daß ich die Sache nicht für harmlos halten kann. Wenn wir einmal wieder zusammen sind, werde ich Dir erzählen, was für eine Tragik über diesem Leben liegt. Wer das trägt und mitträgt, mußte etwas hart werden.
Da ist doch nun das früh verwaiste Enkelkind Christiane (6 Jahre) in Kronberg, das die Frau v. Holzhausen (das Haus Holzhausen wurde für Fröbel, was das Haus Gontard für Hölderlin wurde) auf
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|genommen hat und mit einer bewundernswerten mütterlichen Kraft und Liebe erzieht. Das Verhältnis der verunglückten Sabine zu ihrer Mutter war der Schulfall eines verunglückten Seelenverhältnisses. Das sind alles so schmerzliche Dinge, daß man kaum über sie reden kann. Eine Nichte von Frau v. Holzhausen, ein kleines schon verlobtes Frl. v. Parpart, ist jetzt hier und hospitiert an der Universität. Wir hatten sie gestern zu Mittag bei uns – ein immer fröhlich von sich plauderndes Kind. Zwischen Frau Biermann und Frau v. Holzhausen hat sich auch eine gute Bekanntschaft angebahnt. Beide leben ja in Cronberg.
Die Vorlesungen etc. haben sich ganz gut entwickelt. Das Maximum ist voll besetzt, aber nicht überfüllt. Die Lage eines noch amtierenden Emeritus ist in manchen erziehungen nicht angenehm, wie ich immer wieder an Kleinigkeiten empfinde. Könnte man jetzt den Wohnort frei wählen, wäre ich vielleicht nach Stuttgart gegangen. Der verstorbene Nicolai Hartmann wollte ja sogar jeden Winter nach Berlin zurück.
Hermanns Brief, den ich wieder beifüge, ist
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| nett und er hat ja immer so etwas Kindliches behalten, daß man sich nach all diesen Schicksalen wundern muß, wie einer so etwas fertig bekommt. Für den Winter wäre ein solcher Besuch wohl nicht ratsam, und ich habe ihm geschrieben, es sei überhaupt nicht gut, alte Leute aus ihren Gewohnheiten herauszuholen.
Es wäre ja sehr schön, wenn man jetzt gegen die multiple Sklerose etwas wüßte; vielleicht ist sie auch wirklich zu bekämpfen, wenn man im Anfangsstadium eingreift.
Ich danke Dir, daß Du die kleine "Heldin" besucht hast. An Frl. Héraucourt habe ich geschrieben. Wie ich da denke, weißt Du.
Wir haben einen neuen Todesfall zu beklagen, der uns wirklich ans Herz gegriffen hat. Der gute Prof. Munk vom Martin-Luther-Krankenhaus im Grunewald ist gestorben.
In der nächsten Zeit kommt für mich eine besonders große Arbeitswelle. Ich werde 14 Tage lang kaum einen Brief schreiben können, höchstens eine Karte. Am 6.XII rede ich in Herrenberg.
Vorgestern war Dr. Bork aus Dahlem einen halben Tag zu Besuch hier. Sonst ist es mit Durchreisenden etwas stiller geworden.
Mit den augenblicklich stark bewegten Fluten des Neckar sende ich Dir innigste Wünsche und Grüße hinab.
Dein Eduard