Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Dezember 1950 (Tübingen)


[1]
|
Tübingen, den 6. Dezember 50.
Meine einzige Freundin!
Heute Abend rede ich in Herrenberg über die "Psychologie der Lebensalter" – 1½ Stunden, nachdem ich heute früh schon von 8–9 gelesen habe. Da ich meine Lektion einigermaßen kann, will ich doch entgegen meiner Pausenansage schreiben. Es hat sich nämlich Trauriges ereignet. Jenny Honig liegt seit dem 21.XI. mit einer Blutvergiftung im Potsdamer Krankenhause. Näheres darüber einmal mündlich. Der Fall eignet sich auch nicht zur Erwähnung gegenüber Susanne. Es wird über kurz oder lang notwendig sein, daß Susanne nach BerlinPotsdam fährt, um – wenn die Kranke übersteht –, sie herauszuholen, möglichst nach Alpirsbach. Das geht natürlich nur im Flugzeug. Das alles steht als ein trübes Gewölk über der nächsten Zeit. Susanne war am Sonntag in Alpirsbach, um zu beraten. Der Mensch denkt ..........
[2]
|
Ich danke herzlich für den Carossa und für die hübschen Springerle, die ich ehrlich geteilt habe – "Herzspringerle."
Bei der kleinen Held war natürlich die erste Vermutung ein nicht überwundenes Erlebnis. Aber es scheint, daß nicht einmal die gräßlichen Psychoanalytiker irgend ein Anzeichen dafür gefunden haben. Das Merkwürdige bleibt, daß sie offenbar zu keiner Äußerung darüber zu bringen ist, weshalb sie nicht normal ißt. Man sagt doch sonst: "mein Magen lehnt es ab" oder "es ist mir psychisch unmöglich." Aber sie selbst gibt keinerlei Erklärung. Gern wüßte ich, ob der Arzt nun auch nur diagnostisch einen Schritt weitergekommen ist. – Übrigens habe auch ich weder etwas von Jean Paul noch den "Agathon" von Wieland. Arbeiten sollte sie bestimmt nicht. Lesestoff sonst zur Zeitausfüllung gäbe es ja genug. Ich danke Dir herzlich, daß Du Dich so um das arme kleine Wesen kümmerst.
Matussek hat in der Tat – ohne irgend eine Namensangabe – von der Tatsache der Verlobung geschrieben, die eigentlich eine Hochzeit
[3]
| sein sollte.
Am Sonntag um 17½ bin ich bei Herre gewesen, um ihn zu fragen, was eigentlich los sei. Ich war aber nach 8 Minuten wieder heraus. Er brachte es zum Schluß auf die Formel: "wir sind inkompatibel." Ich brach dann sofort ab. Es war deutlich zu merken, daß es sich um ganz gewöhnlichen Neid handelt. Die Angelegenheit ist damit für mich endgiltig erledigt.
Zum Wochenende sind Frl. Dr. Pape (Hartmannschülerin und Freundin von Frau Biermann) und Nieschling zu erwarten. "Eigentlich" kann ich von den 3 freien Tagen, in die auch noch eine lange Fakultätssitzung fällt, nicht so viel abgeben. Die Vorlesung ist nämlich sehr schwer, aber es hat wohl selten jemand etwas so Eigenartiges unternommen. Nur sind 3 Morgenstunden dafür zu wenig. Es ist auch ein Skandal, daß man das W.S. erst am 7. Nov. begonnen hat.
Ich sehne mich sehr nach wenigstens einem halben Tage "Natur". Du weißt, daß das meine einzige Erholungsquelle ist. Aber teils hat das Wetter, teils der Zeitmangel gehindert.
[4]
|
Shinohara hat mir einen netten Brief von Katuko Hisada übersetzt, der Enkelin des Präsidenten, mit dem wir 1937 die hübsche Frühlingsfahrt gemacht haben. Übrigens hat am 8. November hier kleinem Kreise der frühere Botschafter Ott gesprochen. Ich ging doch noch hin, obwohl ich erst 10 Minuten vorher von Speyer gekommen war. Von dieser Fahrt habe ich wohl noch nichts erzählt? Es ist auch nichts erwähnenswert außer der erneuten Dombesichtigung.
Dies wären die Ereignisse, von denen ich berichten wollte. Ich hoffe aber, daß Näheres bei irgend einer günstigen Gelegenheit bald mündlich gesagt werden kann.
Da es nun kalt zu werden scheint, ermahne ich Dich aufs neue, gut zu heizen, bei Glätte nicht nach Dunkelwerden auszugehen, bei Tage "vorsichtig" im wörtlichsten Sinne zu sein und Dich nicht in einem Kampf um die Elektrische zu begeben. Ein anderer Carossa folgt bei Gelegenheit.
Im innigsten Einverständnis über alles "sonst" grüßt Dich
Dein treuester
Eduard.