Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Dezember 1950 (Tübingen)


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Tübingen, den 20.XII.50.
Meine einzige Freundin!
Heute früh haben die Vorlesungen über "Die gegenwärtige Kultur in kulturphilosophischer Betrachtung" einstweilen ihr Ende gefunden. Eine dreistündige Vorlesung hat es nur auf 20 Stunden bringen können, was ein Mißstand, ja ein Skandal genannt werden muß. Denn wir haben Anlaß, uns sehr anzustrengen, und die "süddeutsche" Schrumpfung der Semester zeugt von der gegenteiligen Einstellung, die seit 1½ Jahren merklich geworden ist.
Ich beginne also, obwohl von fremden Manuskripten und eigenen, die nicht fertiggestellt werden konnten, bedrängt, schon heute meinen Weihnachtsbrief. Denn es liegt mir daran, über einen Plan mit Dir ins Klare zu kommen, den ich bei Dir unter dem Namen unsres gegenseitigen eigentlichen Weihnachtsgeschenks einführe. Denn das Buch, das ich Dir geschickt habe, hat nur die Bedeutung, daß etwas "Vorzeigbares" auf
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| dem Tisch liegt. Ich stelle Dir nämlich das Ansinnen, daß wir uns am 1.I in – Mühlacker treffen. Mühlacker verdient es; denn es hat einen berühmten Sender. Ich brauche dann nicht in das verdächtige "Ausland" Baden zu gehen. Und Mühlacker wird des gleichen Ruhmes teilhaftig werden, wie einst Erbach und Michelstadt.
Der erste Punkt ist nun, daß das Unternehmen für Dich nicht zu anstrengend wird. In dieser Jahreszeit können wir ja garnicht den ganzen Tag ausnützen, selbst wenn das Wetter günstig wäre, was man ja noch nicht weiß. Ich habe Züge herausgesucht – hoffentlich stimmen sie? – die dieser Bedingung wohl genügen. (S. Beilage!) Weil aber die Zeit so wenig ausgenützt werden kann, so müßten die beiderseitigen Fahrten auch billig sein. Deshalb bitte ich Dich, mal festzustellen, ob es bei Euch Sonntagsfahrkarten nach Mühlacker gibt. Hübscher wäre gewiß Bietigheim; frage also ersatzweise auch danach. Sicher gibt es Sonntagskarten nach Stuttgart. Aber das währe [über der Zeile] wäre für Dich etwas lange zu fahren – und Stuttgart ist am Feiertag
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| sehr ungemütlich.
Bei dieser erhofften Begegnung werde ich Dir auch Näheres über Jenny mitteilen können. Heute nur so viel: die Lebensgefahr scheint vorüber, die Stimmung hebt sich, sie schreibt viel hierher – nur die völlige Genesung bleibt fraglich. In diesem Jahr kommt die Fahrt von Susanne nach Berlin – und was schlimmer ist: Potsdam, nicht mehr in Betracht. Ich fürchte diese Reise natürlich, weil sie voll von Gefahren ist und der Erfolg: die Patientin nach Alpirsbach zu holen, (nur per Flugzeug möglich) mehr als problematisch.
Endlich nun möchte ich in den eigentlichen Weihnachtston übergehen. Ich verschweige nicht, daß es mir schwer fällt. Diese Zeit des Jahres ist grausamer Weise immer meine schwerste. Was da zu erledigen ist, ist einfach nicht zu schaffen: ich fühle mich im voraus schon durch das Schreiben unzähliger Briefe ausgelaugt. Am Heiligen Abend werden wir Wolfgang Herchenbach bei uns haben, der diesmal nicht nach Halle zu seinen Eltern fahren kann. Es ist so: für alte Leute ist Weihnachten eine schmerzliche Zeit – der eigentliche Totensonntag des Jahres. Man möchte darüber – gewiß nicht
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| leichtfertig, sondern um wirkungsfähig zu bleiben – hinweg. Und es ist ja auch immer noch so gegangen.
Du aber bist für mich ewige Gegenwart, und mehr kann ich Dir nicht unter den Christbaum legen. Die ganze Führung und Erfüllung meines Lebens danke ich Dir. Das mag durch Dir unbewußte Kräfte und durch eine heilige Fügung der verborgenen Macht geschehen sein. Genug: es ist so. Und deshalb bitte ich Dich immer "Gedenke zu leben". Denn ich wüßte nicht, was geschähe ......
Aber laß uns heiterer schließen! Ich hoffe, daß Du ein schönes Zusammensein haben kannst in den Feiertagen, bei gebührender Vorsicht mit Schnee u. Glatteis.!! Wir müßten dann auch über die seltsame Verlobung Matusseks reden, und über vieles andere. Vielleicht fahren oder gehen wir nach Maulbronn, von wo wir auch zurückfahren könnten. Unsre Gedanken aber treffen sich am 24.XII abends, und Susanne ist auch dabei.
Innigst Dein
Eduard.

[Fuß] Ich schreibe jetzt noch die Züge für das 1. Projekt Mühlacker auf.
[li. Rand] Bestelle bitte im Hause Buttmi meine herzlichen Glückwünsche.