Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1./8. Januar 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg 1. Januar 1950.
Mein liebes Herz!
Wie immer sind die ersten Gedanken und die ersten Zeilen im neuen Jahr an Dich. Während ich Deinen lieben Brief las, der – pünktlich wie immer – heute morgen kam, den ich aber enthaltsam für diese Stunde aufhob, begannen die Glocken zu läuten, und nun begegnen sich unsre Gedanken und Wünsche. Aber Du hast recht, darüber brauchen wir nicht im einzelnen zu reden, Du weißt ja, daß meine schirmenden Wünsche immer um Dich sind! Es ist sonderbar, daß gerade dieses Jahr, das äußerlich mit besonderer Dunkelheit beginnt, für mich in ruhiger Gelassenheit anfängt. Die Gewißheit des Zeitlosen ist so stark in meiner Seele, daß ich vertrauensvoll hoffe, mich darin zu bewähren, wie auch unser aller Schicksal sich wenden möge.

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Am 8.I.50. Nun ist eine ganze Woche darüber hingegangen, und sie ist mir still und freundlich verlaufen. Noch immer steht der Tannenzweig im Zimmer und bewahrt weihnachtliche Stimmung. Gestern wollte ich ihm eigentlich die goldnen Nüsse wieder abnehmen, mit Hilfe von Thusnelda Dilger, der Freundin und helfenden Kraft im Hause bei Rösel Hecht, aber wir vertieften uns nach dem Abendessen, zu dem ich sie nach Monaten mal wieder bei mir hatte, so gründlich in die Bilder der Klöster und – in die Lektüre der "Neuen Zürcher", daß zu der geplanten Profanierung keine Zeit mehr blieb. "Thuschen", wie ich sie frei nach Kleist immer nenne, ist ein sympathisches Menschenkind, von Seiten der Mutter vom Schwarzwald, der Familie Furtwängler angehörig. Ich wußte, daß Dein Aufsatz bei ihr echtes Verständnis finden würde.
Und wie war es am 3.I. in Rohr? Hattest Du Freude dort? Schön, daß Susanne teilnehmen
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| konnte! Und ich dachte mit Faust: ach, wäre nur ein Zaubermantel mein! – Aber ich bin nicht ungenügsam und lebe umso intensiver in dem, was mir zugänglich ist, vor allem Deinen lieben Briefen. Auch die beiden Goethe-Aufsätze bewegen mein Gemüt noch oft. Ich habe auch den Faust wieder zur Hand genommen und es ist seltsam, wie da der rote Faden durchs Ganze immer deutlicher sichtbar wird.
Am letzten Mittwoch waren auch Matusseks mal wieder da, und zwar zu dritt! Der Bruder aus Rußland war zum Fest in Marbach angekommen, und jetzt hier. Er ist nicht östlich beeinflußt, fühlt sich aber hier garnicht zurecht, und möchte wieder nach Berlin; vermutlich eine Illusion. Er ist groß und kräftig, wie der Jurist und der Dr., aber sein Gesicht hatte etwas, was mir wie russifiziert erschien. Wie schwer wird er jetzt wieder Boden fassen!
Vorgestern am 6. war ich in Ziegelhausen
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| bei Frau Dr. Frobenius und ihrer Mutter. Ich hatte so oft ihre Einladung abgelehnt, daß ich schließlich nal nachgeben mußte, und es war dann auch ein ganz nettes Zusammensein. Die andre Tochter, Musiklehrerin in Erfurt, war diesmal nicht gekommen und ich habe den Eindruck, daß man ernstlich bemüht ist, sich finanziell zu sanieren. – Ich dagegen gebe das Geld mit unerhörtem Leichtsinn aus. Aber davon später!
Von der alten Frau Frobenius Venediger, deren Mann[über der Zeile] in Erfurt irgend eine höhere Schulstellung hatte, bin ich beauftragt, Dir von einem Tübinger Studenten zu sprechen: Wolfgang Saenger, dessen Mutter als Witwe in Weimar lebt und sich vermutlich sehr plagen muß durchzukommen. Die Familien sind seit langen Jahren befreundet und die alte Frau Geheimrat Venediger meint, dem jungen Mann etwas Gutes zu tun, wenn Du auf ihn aufmerksam gemacht wirst. Ich war
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| ziemlich reserviert, denn ich finde ebenso wie Du, daß es mißlich ist, wenn Frauen sich mit dem Gemüt in Dinge mischen, die ihren üblichen geordneten Gang haben. Aber ich denke, auf alle Fälle schadet es nicht, wenn ich den Auftrag ausrichte. –
Die Klosterbilder haben mich manchen Abend intensiv beschäftigt. Es ist eigentlich schade, daß wir vor dem Besuch von Bebenhausen nicht die Mappe mal betrachtet haben. Denn es ist doch so, daß man die Höhepunkte, die nach eingehendem Studium im Bilde festgehalten werden, bei einem flüchtigen Besuch garnicht findet. Es fehlt aber auch außerdem bei mir eine gründliche Vorkenntnis.
Nun aber noch etwas sehr Erfreuliches. Als am Freitag Frau Moser eben ins Haus zu mir kam, wurde antelefoniert, daß ein Telegramm gekommen wäre, ihr Mann sei
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| in Frankfurt a./O.! Nun also doch noch nach der vergeblichen Hoffnung auf Weihnachten. Die liebe Frau brach in Tränen aus, und war ganz fassungslos. Aber, bezeichnend für ihr Wesen, blieb sie doch zunächst bei mir, um wenigstens oberflächlich etwas aufzuräumen. Nun weiß ich noch nicht, wann der Erwartete eingetroffen ist. Hoffentlich leben sie sich bei den engen Verhältnissen jetzt gut wieder ein.
Ich bin bewußt in einer Art Ferienstimmung dieser Weihnachtszeit einen ganzen Berg alter Briefschulden allmälig aufzuarbeiten. Es sind alles Menschen, mit denen ich die Fühlung nicht ganz verlieren möchte, aber mehr als zwei am Abend kommen nicht zustande, da es nach langer Pause eben Briefe sein müssen. Ich habe mir Deine Ermahnung zunutze gemacht, und helfe mir bei der Gelegenheit mit einer
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| Tasse Kaffee. Für den gewöhnlichen Tageslauf brauche ich das nicht. Aber wenn ich mich flau fühle, oder eine Anregung nötig ist, dann denke ich an Deine Ermahnung. Im ganzen aber geht es mir wirklich besser als sonst oft. Ich habe mit Zucker nicht gespart, aber Alkohol macht mich müde und benommen im Kopf. Möglichst wenig Salz benutze ich beim Kochen schon lange auf Verordnung von Frl. Dr. Clauß. Aber ganz salzlos lebte ich nur bei der akuten Erkrankung. Das ist auch garzu fade.
Ob das eine Ideenverbindung ist? Mir fällt noch ein, daß ich am 1.I. nachmittags einen Besuch bei Hoffmann-Drechsler's machte, wo auch der Dr. Drechsler aus Karlsruhe anwesend war. Er scheint jetzt in einem guten Fahrwasser zu sein. Am nächsten Tag besuchte er mich auch noch, und setzte mir auseinander, daß sie erst jetzt "eine Familie" seien. Denn zwei Kinder
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| seien noch keine Familie; erstlich für den Fortbestand und dann auch für den Ausgleich im Zusammenleben. Man konnte meinen, er lebt sein Leben nach einer Theorie.
Seine Schwester war mit Rita und Conrad, den beiden ältesten Kindern, am 30. bei mir zu Kaffee und Kuchen sowie kindlichen Spielen. Es war ganz vergnüglich, und die Kinder blieben nach dem Fortgehen der Mutter bis ½ 10 Uhr!
Auch bei Fräulein Schupp war ich zum Neujahrsglückwunsch, und werde am Dienstag dort Kaffee trinken. – So kommen immer auch gesellschaftliche Verpflichtungen und kleine Ausgaben, die sich eben doch summieren, trotz allem Geiz! Aber ich bin so reich bei Kasse, daß es nicht bedenklich ist und ich glaube, es verantworten zu können.
Jetzt aber will ich diesen Dröselbrief schließen mit vielen innigen Grüßen.
Deine
Käthe.