Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17. Januar 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg, 17.I.1950
Mein liebes Herz!
Täglich schreibe ich Dir in Gedanken die längsten Briefe, aber glücklicherweise kommen sie nicht zu Papier! Doch das erste Blatt des neuen Blocks muß doch notwendig an Dich gerichtet sein, wenn auch leider die Schrift darauf nicht besser ist als auf dem bisherigen. – Ich habe noch immer mein Neujahrspensum nicht voll erledigt, aber ich will nicht nachlassen, bis einmal mein Gewissen entlastet ist. Aber dabei zählen die Briefe an Dich, und – in beträchtlichem Abstand – an die Geschwister nicht mit. Heut habe ich nun gut Zeit zu einem Plauderstündchen, weil Matussek absagte, da er Tagesdienst in der Frauenklinik hat. Überhaupt habe ich heut einen ungefalligen Tag gehabt, da ich auch nicht in die Krehlklinik zur Frl. Held ging.
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| Beim Aussteigen aus der Elektrischen, deren neue Wagen so unerhört hohe Stufen haben, holte ich mir eine leichte Verstauchung am linken Fuß. Durch eine feste Binde und Ruhe ist es schnell vergangen und ich kann wieder unbehindert gehen. Aber mit der No 9 fahre ich nicht wieder!! Direkt komisch war es, daß gestern, als ich nur mühsam humpeln konnte, ein telefonischer Anruf von der Augenklinik kam, ich solle "möglichst bald" einen Patienten zeichnen, vermutlich A-hintergrund. Da habe ich aber für heute abgelehnt und werde erst morgen, Freitag, die Arbeit beginnen. Seit Monaten hatten sie dort nichts für mich zu tun, aber ausgerechnet in einem Moment, wo ich gehindert war. Das wirst Du auch kennen!
Morgen abend wird dann bei mir das
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| gemeinsame Lesen mit den Lehrerinnen sein, und zwar Jacob Burckhardt's Weltgeschichtliche Betrachtungen. Ich finde das eigentlich zum Vorlesen nicht geeignet, denn sein Stil ist so schwerfällig, daß man nicht leicht folgen kann. Ich bemühe [über der Zeile] mich deshalb, für mich alles dann gründlich nochmals durchzugehen. Einen kleinen Auszug über die weltgesch. Krisen hatte mir z. B. schon Jakob Steiger geschenkt. (1934) Das wird jetzt alles noch viel eindringlicher auf mich wirken. Denn ich verstehe eigentlich nur, was ich irgendwie selbst erlebt habe.
Und das eigne Erleben braucht oft lange, bis es mit relativer Klarheit bewußt wird. So hat auch in mir unser letztes Zusammensein etwas Ungelöstes hinterlassen, das mir noch immer zu schaffen macht. Aber ich hoffe zuversichtlich, daß du die frohe Selbstgewißheit Deiner Bedeutung längst wiedergefunden hast, als Erwecker und Mahner in dieser haltlosen Zeit. Wenn es auch
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| vielleicht nur wenige sind, in denen das Samenkorn Wurzel faßt, es ist das geläuterte Leben der Vergangenheit, das damit für die Zukunft aufbewahrt bleibt. –  –
In meinem Zimmer ist eine immer gleiche angenehme Wärme, denn draußen ist noch immer keine wirkliche Kälte. Und bei der knappen Belieferung mit Kohlen überbieten sich meine Freunde förmlich, mir auszuhelfen, obgleich das noch garnicht dringend ist. Auch ist mir vom Händler Kohle zugesagt.
Ob ich wohl nun auch mal wieder von Dir höre? Auch bilde ich mir ein, Susanne hätte mir verheißen zu schreiben! Aber da ich selbst immer im Rückstand bin, begreife ich auch bei andern, wenn es langsam geht. Ich möchte nur, daß es gute Nachrichten wären, die zu geben sind.
Und nun noch viel herzliche Grüße Dir und Susanne! Immer mit treuen Wünschen
Deine
Käthe.