Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17./19. Januar 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg, 17. Januar 1950
Mein liebes Herz!
Du hast mich mit der lieben Karte vom 14.I. herzlich erfreut. Denn so wurde ich vor einem ungeduldigen Warten und unnötigem Grillenfangen bewahrt. Habe Dank! Nur das ist leider fraglich, ob ich dann, nach dem 21., noch etwas über die Köngener und über Boll erfahren werde, was mich doch auch interessiert. Hier spricht man von einem Universitätsunternehmen in Mainz, zu dem Du auch aufgefordert seist, aber abgelehnt habest. Ich glaube, es ist ein Versuch, mit der Ostzone zu vermitteln? – Im Übrigen sind die Zeitungen (die hiesigen!) voll von Carneval und Spielbankplänen! Es wäre mir sehr enttäuschend, wenn Heidelberg so herunter käme, ein Spielkasino zuzulassen! Aber die Tonart ist genauso, wie s. Z. vor den häufigen Schloßfesten; es wird auf den Fremdenverkehr, die wirtschaftlichen Vorteile usw. hingewiesen, und jetzt sogar auf das Geld zum
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| "Wohnungsbau für Flüchtlinge" dabei spekuliert. Und ich weiß noch genau, was die Vergnügungssucht damals für eine Kehrseite entwickelte. Glücklicherweise sind jetzt auch Gegenstimmen vorhanden.
Durch Zufall kam ich darauf, das kleine Buch der Lebenserinnerungen von Luden mal wieder zur Hand zu nehmen und habe, auch durch die Vermittlung dieser biederen Seele hindurch, mit innerer Freude wieder etwas von der Atmosphäre des Goetheschen Kreises gespürt. Es ist seltsam, mit welch formloser Offenheit dieser brave und tüchtige Mensch sich durch seine Berichte und Kritik selbst charakterisiert. Sein Wesen erinnerte mich mehrfach an meinen Bruder.
Mit meinen Briefschulden bin ich noch nicht durchgekommen. Ich kann nur staunen, daß Du bei solcher Unzahl von Postsendungen überhaupt noch weißt, wer der Betreffende ist!
Bei meinem Versuch, Frl. zur Nieden mal wieder zu besuchen, traf ich sie leider nicht an,
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| sie war im Nachbarhaus. Aber ich erfuhr von der Conradschen Tochter, daß Frau von Braunbehrens noch immer im Mannheimer Krankenhaus liegt, und daß die Besserung sehr, sehr langsame Fortschritte macht. Da denkt man unwillkürlich, Sabine und ihr Mann hatten es besser! – Daß Susanne in Alpirsbach war, hat sie sicherlich sehr gefreut. Ich würde auch so gern meine – von Dir so mißgeschätzte – liebe Schwester Aenne mal wieder sehen. Aber wer weiß, ob es im Leben dazu mal wieder kommt.

19.I.   –   Denn nach Berlin möchte ich ja nicht wieder, oder vielmehr: mein Berlin ist nicht mehr.
Nun ist doch wieder mehr als ein Tag vergangen, ehe ich weiter schreibe. Heut, am Donnerstag waren Frau Buttmi und Frau Prof. Bleßken zum Kaffee bei mir zu einem gut geratenen Kuchen, netter Unterhaltung, Betrachtung der Klosterbilder und als Krönung der Stunde las ich ihnen den Aufsatz in der Neuen Zürcher mit fühlbarer Wirkung. – Nächste Woche
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| denke ich die Schwestern Mathy und Frau Mehner bei mir zu haben. Aber das wird eine andre Grundstimung sein. Wenn ich nicht manchmal auch ein wenig gastlich bin, werde ich doch immer mehr isoliert, da ich allmälig weniger gern ausgehe, und die Leute ungebeten nicht so leicht nach Rohrbach fahren, aus Sorge mich nicht anzutreffen. –  – Am Mittwoch war diesmal nur der jüngere Bruder M. hier, der von den Plänen seines Bruders in München erzählte. Es würde mich freuen, wenn es ihm glückte, wenn ich auch sein Fortgehen bedauern würde.
Die Rückkehr des Herrn Moser ist für mich insofern unbequem, als die gute Frau jetzt all ihre Kunden uns einen Tag vorverlegt, um den Sonnabend für die eigne Wirtschaft frei zu haben. So ist aber bei mir die schöne Reinlichkeit vom Donnerstag bis Sonntag schon wieder etwas mitgenommen. Aber das ist ja bekanntlich nur "äußerlich".
Und übermorgen ist nun der 21. an dem die Rede für Stadelmann sein soll. Ich denke mit innerlicher Freudigkeit daran, wie Du dem Verstorbenen mit echter Würdigung und warmem Verständnis ein lebensvolles Gedächtnis erwecken wirst.
<li. Rand>
Sei mir innig gegrüßt und grüße auch die beiden andern.
<Kopf>
Wie immer
Deine Käthe.