Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. Januar 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24.I.50.
Mein liebes Herz!
Heute morgen hatte ich ein bißchen verschlafen, da kam um 8½ ein Anruf bei Vicktor's, ich möchte nach 10 Uhr in die Augenklinik kommen, zu Prof. Schreck. Das ist an sich eine Freude, aber gerade in diesem Moment, wo ich morgen abend die 3 Matusseke, und am Donnerstag 3 Damen zum Kaffee erwarte, hätte ich gern in Seelenruhe die Vorbereitungen dazu getroffen. So ists aber immer, seit Monaten war kein Zeichenauftrag und nun kommt er unbequem! Es hat sich jedoch ganz gut geregelt; ich war heute 2x in der Klinik, und das Übrige kommt dann Freitag etc. – Denke Dir, ich male ein Hühnerauge! Aber "nicht was Sie denken" ich habe ein lebendiges Huhn vor mir, das der Laboratoriumsdiener vor den Apparat hält, und ein junger Mediziner reguliert die Beleuchtung. Außerdem ist da ein großer Atlas, in dem ähnliche Bilder sind und Prof. Schr. kann sehr gut erklären, so hat sich die Sache ganz hoffnungsvoll gestaltet.
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| Und so kann ich doch morgen den geplanten Kuchen backen für den Kaffee und eine rote Grütze für die drei Brüder kochen. Und ich brauche nicht in Sorge zu sein, daß ich was aus Eile verkehrt mache. Denn ich bin nun mal so leicht aus dem Konzept zu bringen.
Überhaupt hatte ja die Woche so gut angefangen mit dem lieben Brief von Dir. Ich bin Dir so herzlich dankbar, daß Du mir trotz der großen Müdigkeit doch noch schriebst, aber es ist doch auch ein wenig Kummer dabei, daß Du Dich damit bemühst, anstatt Dich zu ruhen. Gäbe es doch eine Möglichkeit der Mitteilung ohne diese Mühe! –
Für all die eingehenden Berichte vielen Dank. Vor allem aber freut michs, daß Du durchgängig zufrieden warst mit der Wirkung. Auch in Boll wird mancher bleibende Werte fürs Leben mitgenommen habe, wie es dieser Albert Schramm von dem Berliner Seminar berichtet: Etwas, das für alle Zeit standhält.
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Du erwähnst den Hermersberger Hof, und wie weit das zurück liegt. Ja, das wohl, aber es ist mir doch, als hätten wir uns damals schon lange gekannt. Es ist eben alles zwischen uns so merkwürdig zeitlos.
In einer Stadt wie Tübingen, wo jeder Fremde sofort auffällt und besprochen wird, ist ja wohl Deine Gedächtnisrede auch ohne Zeitung allgemein bekannt gewesen, aber die Herrn Professoren dort scheinen zum Teil etwas sonderbar. Siehe Krüger, Erbe, Oesterreich –  –  – Aber trotz der großen Ermüdung spüre ich doch mit Freude, daß Du an dieser Arbeit und ihrem Erfolg selbst inneren Gewinn hattest. – Und zum Abschluß wart Ihr in Reutlingen! Ich habe gerade in den letzten Tagen mehrmals von der Achalm gesprochen, denn am 21. fuhr die arme Hanne Heraucourt mit ihrer Schwester, Frau Pfarrer Fehn nach Reutlingen, zur Kur in das Kreiskrankenhaus, in die Behandlung von Dr. Recknagel. Die Schwester war schon früher in seiner Behandlung, sie hat eine Herzschwäche.
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| Die Hanne aber will dort einen letzten Versuch machen, ob ihr bei ihrem Leiden noch zu helfen ist. Ich habe ihr möglichst zuversichtlich zugeredet; aber die ganze Familie ist recht besorgt und skeptisch. Kommst Du wohl im Laufe des Februar mal nach Reutlingen zum Haarschneiden? Ließe sich damit vielleicht ein kurzer Krankenbesuch verbinden? Aber nur, wenn es sich leicht machen ließe. Ich weiß ja nicht, wo das Krankenhaus liegen mag. Es ist beabsichtigt, daß Hanne 4 Wochen dort bleibt. Sie ist solch stilles, tapferes Menschenkind, und sie weiß natürlich durch mich von Dir. Sie ist von Beruf Buchhändlerin. –  –
Was Du von Cilli schreibst, ging mir schon zu meinem ernsten Bedauern aus ihrem letzten Brief hervor. Möchtest Du doch für sie mit Deinem herzlichen Verständnis ein Wort wahrhafter Hülfe finden.
Nun aber bin ich bettreif und habe wohl auch berichtet, was in meinem engen Kreise vorgefallen ist. Ich grüße Dich wie immer von Herzen und dankbar.
Deine
Käthe.