Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. Februar 1950 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 5. Februar 1950
Sonntag abend.
Mein liebes Herz!
Dein lieber Brief vom 31.I. hat sich nun doch mit meinem Gruß gekreuzt und ich hatte dem gerade zuvorkommen wollen! Umso mehr war ich über Dein liebes Schreiben erfreut, das aber leider zweierlei weniger Erfreuliches enthält, das mir zu schaffen macht. Einesteil ist es die große Ermüdung, über die Du wiederholt zu klagen hast, und dann ist es die merkwürdige Gleichzeitigkeit von den drei getrübten Beziehungen. Es ist vielleicht möglich, wenn wir uns in nächster Zeit sehen sollten, daß Du mir mündlich die näheren Umstände erklärst. Denn aus dem, was Du an Tatsachen berichtest, kann ich mir kein Bild machen. Ganz abwegig aber finde ich es, daß Du dafür irgend eine Schuld in Dir suchst. Der Fall Günther ist doch bedingt durch die Situation, daß Du für etwas eintreten solltest, das Du nicht für einwandfrei halten konntest.
[2]
|
Daß Du die Gedenkrede für Stadelmann nicht halten solltest, weil Herre ihn haßte, ist ja seltsam. Weshalb haßte er ihn? Und wenn er dafür so tiefe Gründe hatte, daß er ihn dieser Ehrung durch Dich nicht für würdig hielt, dann wäre es freundschaftlich gewesen, eine Aussprache mit Dir rechtzeitig zu suchen. Sind es nur persönliche Gründe, dann kann er doch nicht verlangen, daß Du es dem Verstorbenen nachträgst. Oder hatte er sich auch sonst unbeliebt gemacht, ohne daß Du es wußtest? Warum wollten die Fachkollegen nicht für ihn reden?
Und Cilli? Du schriebst nicht, womit sie den Abbruch des Verkehrs begründete? Ich dachte mir, daß die Ursache dafür die Rücksicht auf die Mutter sein wird. Vielleicht macht sie der Tochter Schwierigkeiten, weil diese mit Dir in gutem Einvernehmen ist, während sie das verscherzt hat. Sie wird wohl nicht viel Menschen haben, die zu ihr halten und durch den Tode des Mannes sehr vereinsamt sein. Ich bin überzeugt, daß Cilli nur um der Mutter willen auf Dich verzichten will. – Die grüblerischen
[3]
| Bedenken aber, die Du daran knüpfst, sind entschieden nur eine Folge Deiner Abspannung und ich will froh sein, wenn diese drei Wochen noch überwunden sind.
Denn Dir zu raten, das Tempo zu mäßigen, ist ja doch vergeblich. Da bin ich nun ganz anders geworden. Das "Hühnerauge" hatte mich recht nervös gemacht. Denn es ist bei dieser Art der Arbeit für mich eine große Schwierigkeit aus wenigen kurzen Augenblicken günstiger Sicht und der mündlichen Beschreibung dessen, was gezeigt werden soll, ein glaubhaftes Gebilde zu zaubern. Ich hatte mich recht daran abgequält und das Simulieren darüber verfolgte mich Tag und Nacht. Bei der letzten Rücksprache schien mir einiges ganz grundverkehrt angegeben oder mißverstanden zu sein und ich fürchtete, die Änderung würde das Ganze ruinieren. So nahm ich meinen Kram still mit nach Hause und ließ ihn 3 Tage liegen. Gestern trat ich der Sache in Gedanken wieder näher und heute habe ich mich fleißig damit abgegeben und wie ich hoffe, mit Erfolg. Nun werde ichs morgen abliefern.
[4]
|
Deine Teilnahme an medizinischen Dingen ist zum Glück weniger aktiv. Was hat denn der liebenswürdige alte Herr über die Lüge am Krankenbett gesagt? Jeder Patient will doch, wenn er den Arzt nach der "Wahrheit" fragt, Hoffnung gemacht haben! Es ist nur eine Kunst, glaubwürdig zu lügen. Sehr komisch war es mir, daß Du im Zusammenhang damit den Neckarblick erwähnst. Denn ich hatte mich gerade in den Tagen sehr besonnen, wie die Wirtin dort hieß, und war zu dem Schluß gekommen, es sei: Emma Schneider. Und richtig, Du weißt es auch noch.
Matusseks habe ich diese Woche nicht gesehen. Der Dr. war verhindert, und der "Kleine" arbeit für das chemische Examen.
Draußen heult ein gelinder Sturm. Glatteis hatten wir aber nicht, es war zu schnell weggetaut. Ich habe den Sonntag still zu Hause genossen, und überhaupt all die letzten Tage gründlich nach Tisch geschlafen. Nun bin ich wieder im Lot.
Ich lege Dir eine Aufstellung meiner Finanzen bei, die mir allerlei nötige Anschaffungen ohne Sorge gestatten. Und außerdem eine nette Karikatur. Habe ich Dir mal einen Wolfgang Saenger genannt, <li. Rand> für den sich Frau Geh.Rat Venediger interessiert? Er soll in Tübingen studieren.
[5]
|
1. Februar
Bestand 3,52,50
Altersrente       53,20
Soforthilfe     36 20
  441,90