Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. März 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. März 1950.
Mein liebes Herz!
Nun ist schon eine ganze Woche seit Deiner Ankunft hier vergangen, und noch immer habe ich Dir nicht gesagt, wie dankbar ich für das Zusammensein war! Es klingt in seiner Vorfrühlingsstimmung belebend in mir weiter. Hat es Dir wohl ein wenig Ruhe und Entspannung gebracht? Und hast Du die kleinen Mängel nachsichtig vergessen?
Mein Leben hat sich inzwischen bescheiden und doch bewegt weiter gesponnen. Am Freitag, nach Deiner Abreise, kochte ich mir rasch was zu essen, und dann habe ich sehr ausgiebig geschlafen. Abends kamen Frau Buttmi und Frl. Ingold zum Lesen zu mir. Ich war aber nicht sehr bei der Sache. – Am Nachmittag brachte die Post auch mir die Anzeige
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| vom Tod der Emmy Frommherz. Das wird man wohl als eine Erlösung empfinden können. Du wirst sie also beim Besuch am Bodensee nicht mehr antreffen. So ist wieder ein Stückchen Vergangenheit abgeschlossen. Aber ich denke, in uns beiden bleibt die Erinnerung an jene Zeit unvergänglich.
Am Sonnabend war vormittags Frau Moser da und es gab viel prosaische Arbeit. Nachmittags ging ich nach dem Weißen Haus, denn ich hatte mich sehr lange nicht um die Damen gekümmert. Frau von Braunbehrends liegt noch immer im Mannheimer Krankenhaus, und Frl. Zur Nieden geht es auch nicht gut. Sie wollte am nächsten Tage zur Erholung nach Bayern reisen. Ob da nicht Sabine das leichtere Los getroffen hat?
Sonntag war dann Rosmarie Haebler zum Kaffee bei mir. Sie ist ein frisches, natürliches angenehmes Menschenkind. Man spürt ihr an, daß sie eine glückliche Mischung von Ernst
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| und gesunder Heiterkeit im Temperament hat.
Vormittags hatte ich bei Heinrich's Deine Grüße ausgerichtet, die sehr erfreut aufgenommen wurden. Der alte Herr war nur kurz zu sehen, und ich fand ihn recht verändert. Die Frau betont immer, daß er durch sein schlechtes Gehör sehr bedrückt sei. Ich habe aber den Eindruck, als ob da ein leichter Schlaganfall vorliegt.
Von Frau Héraucourt habe ich noch nichts gesehen. Die Fenster sind noch verschlossen. Ich bin so dankbar, daß Du an meinen Bekannten so freundlich Anteil nimmst. Sie wissen das auch entsprechend zu schätzen. Und es ist schön, daß es keine gesellschaftliche Verpflichtung nach sich zieht, die Dich belasten könnte. – Auch die beiden Matusseks haben wir ja glücklich vermieden. Jetzt erwarte ich sie nun wieder mal zum Lesen –  – Jugendpsychologie! – Vorgestern habe ich gegen Abend ein Stück des Weges wiederholt, den wir am vorigen Donnerstag machten. Ich mußte Wäsche nach
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| Ziegelhausen bringen. Es war wieder so schön im Neckartal, über den blauen Himmel hauchte die untergehende Sonne einen zarten rosa Schein, die Amsel sang oben am Waldesrand, und auf dem dunklen jenseitigen Ufer flammten die ersten Lichter auf. So wanderte ich mit Freude über Stiftsmühle, Harlaß bis zum Wehr. Es war die Zeit, in der ich Dich in Stuttgart wußte. Möchte es auch für Dich eine gute Stunde gewesen sein! – Am Dienstag, gestern, war ich zum Kaffee bei Frl. Schupp und las ihr eine sehr eindrucksvolle Erzählung von Gertrud v. le Fort vor.
Und jetzt war ich im Schreiben unterbrochen von Paul Matussek, der Abschied nahm vor seiner Abreise nach München. Er sah ein, daß Du hier nicht bei dem kurzen Aufenthalt Zeit übrig hattest und bedauert, daß er nicht, wie geplant über Tübingen fahren kann. Er sprach sehr eingehend und ernst über seine Berufs-Erfolge und Hoffnungen und will immer mehr lernen, mit den Kräften hauszuhalten, um womöglich seine Arbeitspläne zu vollführen. Er läßt Dir für manch gute Ermahnung danken und auch – dafür, daß Du ihm die beschaulichen Stunden <li. Rand> bei mir vemittelt hast!! Doch jetzt will ich diesen Brief noch zur Post bringen, <li. Rand S. 3> damit er endlich fortkommt. Fortsetzung folgt bald und auch endlich <li. Rand S. 2>: der Dank an Susanne, bei der Du mich, bitte, mit herzlichem Gruß entschuldigst.
<Kopf S. 2 u. 3>
Ich grüße Dich innig in froher Erinnerung und mit stiller Hoffnung auf den Rückweg von Bremen.
Deine Käthe.