Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12./13. März 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. März 1950.
Mein liebes Herz!
Der Tag heute soll doch nicht vergehen, ohne ein sichtbares Zeichen meines Gedenkens. Unsre Gedanken sind sich natürlich begegnet am Grabhügel in Berlin, oder eigentlich wohl in den Räumen der Kantstraße, wo ich ein rasches, wortloses Einverständnis mit Deiner lieben Mutter finden durfte. Wie weit liegt das zurück und doch wie nah und lebendig ist mir das noch heute. Möchte ich auch weiterhin ihren Auftrag bei Dir erfüllen dürfen!
Für Deinen lieben Brief, der gestern ankam, habe herzlichen Dank. Nur scheint er mir noch garnichts von Feriengefühl zu verraten, und ich möchte Dich doch gern recht ernstlich bitten, Dir ein gewisses Maß an Ellenbogenfreiheit zu schaffen. Ich habe wohl berechtigten Grund, Dir Deine Mahnung zurückzugeben: nicht überanstrengen!
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Zu erzählen ist von mir wenig. Nach Deiner Abreise war mirs sehr einsam zu Sinn, und es litt mich nicht in meiner sonnenlosen Stube. Dabei war wohl auch etwas Abwehr gegen die allgemeinen Grippebazillen in mir, denn nachmittags war immer etwas Fieberneigung da. Aber mit etwas Novalgin-Chinin ist das rasch vorbei gegangen. – – Aus einer Verabredung mit Hedwig Mathy am Freitag spazieren zu gehen, wurde nichts durch das stürmische mit Regenschauern vermischte Wetter. Aber ich verlebte einige behagliche Stunden bei ihr, und genoß die Ruhe statt der geplanten Bewegung gern.
Gestern abend sah ich von der Görresstraße aus, daß die Läden bei Frau Héraucourt auf waren und da ging ich zu ihr, die nun aus Tiefental wieder hergekommen ist. Vor einem Vierteljahr wird Hanna in Reutlingen nicht entlassen, aber die Mutter ist doch jetzt beruhigter über ihr Befinden. Um ihr den Übergang aus
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| der Familie in ihr hiesiges Alleinsein zu erleichtern lud ich sie für heute zum Essen; da ich ja ohnehin für mich kochen muß, war das "Köcheln" nicht wesentlich schlimmer als gewöhnlich. Nur das Aufspülen nachher ist mir lästig! Unser Zusammensein war etwas ergiebiger als sonst meistens. Denn bei aller Wertschätzung für diese schlichte, tüchtige Frau ist doch unsre Welt eine sehr verschiedene. – Vorhin ist sie wieder nach Haus gegangen und ich habe mir nach dem Abendbrot mit dem letzten Schnapsgläschen von dem restlichen Weißwein die Lebensgeister wieder angefrischt, um wenigstens noch einige Zeilen zu schreiben. –
Daß Dr. Matussek nun hier fortgeht, tut mir recht leid. Wir hatten uns allmälig recht gut verstanden. Was er über seine Arbeitspläne und die Regelung seiner Lebenseinteilung sagte, war sehr verständig und ich glaube, da hast Du ihn günstig beeinflußt. Der Bruder wird die Besuche bei mir fortsetzen, ist aber jetzt in Marbach beim Vater.
Was Du über die Möglichkeit eines Treffens
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| mit Litt schreibst, vestehe ich gut. Aber ein bißchen hoffe ich doch, daß das keinen Abzug für mich bedeutet. Wann ist eigentlich das Datum für Bremen?
Die Beschäftigung mit Berlin und allerlei Erinnerungen, die durch jenen Vortrag geweckt wurden, brachten mich darauf, ein Buch vorzusuchen, zu dem ich bisher garkeine Neigung hatte: Leben und Erinnerungen der Henriette Herz. Man muß schon sagen, es war eine interessante Welt damals, welch eine Fülle von geistigem Verkehr unter so vielen bedeutenden Menschen! Und die schönen Frauen, die wie Schmetterlinge den Blütenstaub zwischen den Geistesblüten umhertragen! Mir ist das alles ja fremd und erstaunlich und liegt der heutigen Zeit sehr fern.

Montag abends. Eigentlich hatte ich heute noch weiterschreiben wollen. Aber ich bin so schläfrig, daß es besser ist, Dich damit zu verschonen. Ich hoffe sehr, daß Du Dir entsprechende Ruhepausen verschaffst, und manchmal eine Stunde in freier Luft einschiebst. Sei mit Susanne herzlich gegrüßt von
Deiner Käthe.