Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19./20./22. März 1950 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg, 19.III.1950.
Mein liebes Herz!
Wenigstens etwas muß ich doch an diesem Sonntagabend noch mit Dir plaudern. Zu einem vernünftigen Brief wird es ja leider nicht reichen, denn ich bin an diesen Frühlingsabenden immer zum Umfallen müde. Ich schäme mich eigentlich darüber, denn ich leiste garnichts. Aber ich bin viel in der Luft, und dabei überwinde ich rasch die nervöse Depression, die mich mal wieder befallen hatte.
Wenn ich nur wüßte, ob Du Dich jetzt wieder frischer fühlst? Bei aller Freude an Deinem Hiersein kam es doch nicht zu der freudigen Beschwingtheit wie im September. Ich fühle immer garzu sehr jede Mißstimmung in Dir mit!
Wir haben jetzt hier kräftige Stürme, abwechselnd mit stillen sonnigen Stunden. Heut abend war ich mit Frau Héraucourt auf dem Stück des Panoramaweges, wo wir beide Vertriebenen damals im Juni 46 zusammen saßen.
[2]
| Das ist da alles jetzt parzelliert und bepflanzt. Es war ein wunderbarer Sonnenuntergang, mit Farben wie sie auf den griechischen Landschaften von Rottmann in der Münchener Pina sind – oder waren?! Vorher hatte ich einen gemütlichen Kaffee bei der guten Frau Pfarrer getrunken, uneingeladen! Ich hatte nämlich Eveline Steidel erwartet, die mir am Freitag in Kirchheim ihr Kommen zusagte. Nun kam sie aber ganz zerknirscht, sie hätte ganz vergessen, daß sie schon seit 8 Tagen eine Verabredung gehabt hätte – etc. – Ich konnte ihr nicht böse sein, weil sie solch liebes Mädel ist, und dann habe ich selbst auch schon ähnliche Sünden begangen. Aber ich wollte nun den selbstgebacknen Kuchen nicht allein essen, und so ging ich damit zur Frau H. – Das war nun sehr nett, denn sie hatte gedacht, wenn sie eine Möglichkeit hätte, mir Nachricht zu geben, würde sie mich gern zu sich bitten. Die Nachrichten aus Reutlingen sind dauernd gut. – Die Mutter ist aber natürlich hier jetzt vereinsamt, und
[3]
| außerdem mit Herzbeschwerden behaftet. Sie soll sich möglichst ruhig halten und es ist schade, daß wir so weit auseinander wohnen, wir könnten uns gegenseitig manche Mühe erleichtern. Und haben im Haushalt recht ähnliche Prinzipien.
Ich bin durch die Anfrage vom Sofortamt etwas in Bedenken und wäre froh, wenn ich bald Deine Meinung darüber wüßte. Unter der Aufzählung der "freiwilligen Leistungen" für mein Einkommen ist nichts, was sich mit unserer Beziehung deckte. Es heißt nur "sonstiges Einkommen in bar oder Sachleistungen" und dann kommt die Aufzählung. – Ich bin wirklich nicht drauf aus, den Staat zu schädigen, aber ich finde, daß ich einen berechtigten Anspruch auf Erfolg habe für das gewissenhaft Ersparte, bei der Unmöglichkeit bei meinem Alter noch entsprechend zu verdienen. Wenn mir von Freundesseite geholfen wird, geht das doch niemand was an. Es ist kein "Einkommen" sondern Geschenk!
[4]
|
Die ganze Sache hat mich veranlaßt, mal die Verhältnisse im ganzen zu prüfen. Das Einkommen 1949 war Renten 658,40 M Verdienst 111 M und von Dir 1110 M zusammen 1879,40 M und die Ausgaben waren im Durchschnitt 158 M [über der Zeile] monatlich, mal mehr, mal weniger. Das macht 1896 M, ich hätte also mehr ausgegeben, als ich besaß, wenn nicht im Dezember die erste Soforthilfe einsetzte! So trat ich das neue Jahr mit 401 M an. Und jetzt sind es 485 M. – Ich sehe aber an dieser Übersicht, daß ich noch immer zu flott im Geldausgeben bin, obgleich ich mir einbilde, vernünftig zu sparen und Du Guter mir immer zu allerlei Verwöhnungen zuredest. Für Unterstützungsbedürftige heißt es, das Existenzminimum sei 70 DM!! Als pflichtig für den Beitrag zum Lastenausgleich sei nur wer über 180 DM Einkommen habe. Das ist ein recht großer Unterschied. – Doch genug davon oder mehr als genug! Verzeih, mein liebes Herz, diese prosaische Mitteilung. Es ist nur zur Rechenschaft.

[5]
|
20.III.50. Vielen Herzlichen Dank für Deine schnelle Antwort, die meinen eignen Gedanken völlig entsprach. Die wechselnden Zeitpunkte deiner Sendungen der letzten Zeit hatte ich schon als beabsichtigt vermutet. Nur möchte ich noch dazu bemerken, daß Du, bitte, falls die Soforthilfe weiter so bewilligt wird, den Betrag herabsetzt. Ich will doch kein Kapital im Hause sammeln und für allerlei Anschaffungen habe ich jetzt Reserve genug.
Auf den Donnerstag freue ich mich und werde pünktlich da sein, wenn ich nur rechtzeitig die genaue Zeit erfahre. Es ist mir ganz unklar, wo Du so früh schon herkommst?

22.III. Nun habe ich auch noch heute früh Deine Karte bekommen, die mir meldet, daß Du heute nacht hier schlafen willst. Nach früherer Erfahrung nehme ich an, daß Deine Ablehnung
[6]
| einer Begrüßung am Bahnhof abends nicht Rücksicht für mich, sondern der Wunsch ist, Deine "königlich bayerische Ruh‘" zu haben. Ich werde also nachher noch diesen stückweisen Brief in der Reichspost abgeben und am Bahnhof die Abfahrt der Züge inspizieren. Die letzte Elektrische hier heraus geht allerdings erst um 23.20, und vorher bis 22.36 regelmäßig, sodaß ein Kommen meinerseits möglich gewesen wäre. Aber solche Terminsache ist nichts für so nervöse Leute wie mir. Da wäre keine Gemütlichkeit. Ich hoffe also morgen früh Dich zur bestimmten Stunde recht ausgeschlafen und zufrieden zu sehen. Ich bin recht ungeduldig und voll Freude.
Deine
Käthe.