Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2. April 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 2. April 1950
Mein liebes Herz!
Heut ist schon eine Woche vergangen seit dem letzten Wiedersehen von 10 Minuten, aber es ist mir all die Zeit als ein froher, sonniger Eindruck gegenwärtig geblieben. Es war so schön, Dich so erfreut und befriedigt zu sehen, und sogar das Preußenherz hat seinen Teil dabei abbekommen! Das wird nun hoffentlich auch in Dir als belebende Kraft vorgehalten haben, wenn es auch die dauernden Anstrengungen nicht eigentlich ausgleichen kann. Aber wir leben doch nun mal so überwiegend von der Seele und den Nerven aus und haben oft einen so merkwürdig ähnlichen Rhythmus, daß ich hoffe, es ist in Dir eben auch solch eine freudige Grundstimmung. Das hindert nun freilich nicht die übliche
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| Frühlingsmüdigkeit nicht. Sie hat mich auch die ganze Zeit über nicht den Entschluß zum Schreiben fassen lassen. Und dabei liegen doch fünfundzwanzig Briefe seit dem 25.II. da und sollen Antwort haben! Aber abends um 8 Uhr, wenn "die Lampe freundlich wieder brennt", und alles so still geworden ist, dann – könnte ich immer auf der Stelle einschlafen! – Heute habe ich bei Frl. Seidel einen starken Geburtstagskaffee getrunken, und das hält mich etwas wacher als gewöhnlich. Ich traf bei ihr ein ihr befreundetes Ehepaar aus Mannheim und es gab eine recht lebhafte Unterhaltung über politische Einstellung und persönliche Erinnerungen. Als die Mannheimer fort waren, gingen Frl. S. und ich noch am Neckar von Brücke zu Brücke, bei einsetzender Dämmerung und beginnenden Lichtern. Das war sehr schön und wohl
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|tuend in der kräftigen Luft. Es ist doch sehr beneidenswert in Heidelberg zu leben, man hat nur oft nicht die Möglichkeit, es entsprechend zu würdigen. – In dieser Woche war ich noch einmal im Neckartal, wie üblich bei der Waschfrau. Mit den Augen verfolgte ich von der Elektrischen aus den Weg, den wir neulich (2.III.) zusammen gingen und erstaunte, welch eine Fülle von Buchten des Berges wir da ausgehen mußten. – Mit der Baumblüte ist es noch schwach, aber zu Ostern wird es wohl schon lohnend sein. Aber es ist wieder erheblich kühler geworden, und ich werde wohl wieder tüchtig heizen müssen, nachdem ich mich gern schon öfters davon drückte, wenn ich den halben Tag nicht zuhause war.
Wann ist denn eigentlich Eur Aufenthalt am Bodensee geplant? Dort ist die Vegetation noch wesentlich weiter zurück als hier. Ich habe oft gerade die Blütezeit versäumt, die dort noch nicht und hier dann vorbei war.
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Abends lese ich immer noch gern vor dem Einschlafen. Da hat mir doch das Buch über und von Henriette Herz weit mehr Eindruck gemacht als ich erwartete. Und jetzt habe ich die Biographie Kleists vor, von Otto Brahm. Es ist doch etwas Wunderbares um solch einen vom Dämon Besessenen. Und wie ergreifend ist die Hermannsschlacht unter den gegenwärtigen Umständen. Ich fürchte, wir haben keinen Hermann und keinen Marbod jetzt. Aber wir haben Männer, die das geistige Erbe bewahren und pflegen, und so lebt Deutschland wie ein Samenkorn in der Stille zu neuer Entfaltung. Möchtest Du immer neue Kraft aus dem Erfolg Deiner Wirksamkeit schöpfen! Möchtest Du immer den Segen fühlen, der auf Deiner treuen, entsagungsvollen Arbeit ruht!
Ich grüße Dich von Herzen und bitte Dich, womöglich etwas wirkliche Ferientage zu machen.
Deine
Käthe.