Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9./10. April 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. Ostersonntag
9.IV.50
Mein liebes Herz!
Wenn ich noch den Anschluß vor Eurer Abreise nach Überlingen erreichen will, dann ist es entschieden hohe Zeit zu schreiben! Wie immer bist Du Lieber pünktlich mit deinem Gruß eingetroffen zum Fest, und ich bringe es wieder nur dazu, am Fest eine geeignete Stunde zu finden. Du weißt ja aber, daß es nicht Gleichgültigkeit sondern Unvermögen ist. Obgleich ja eigentlich die Nachrichten, die mir Dein lieber Brief brachte, Veranlassung gaben, mich zu betrüben, so habe ich mich doch auch wieder innig gefreut und danke Dir von Herzen dafür. Es muß wohl in diesem beginnenden Frühling ein sehr nervenfeindliches Klima gewesen sein, denn meine Energielosigkeit und Schlafsucht war geradezu krankhaft, und ich habe, wenn auch ohne Erkältung, die "klatrige
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| Stimmung" in meiner Art "mitgemacht". Vor allem zeigte sichs in den verschiedensten Glieder- und starken Augenschmerzen, die bei mir der Ersatz für Kopfschmerzen sind. Die Temperatur wechselt auch bei uns zwischen eisigen Winden und Gewitterschwüle.
Heute nun ist der geplante Blütenweg von Handschuhsheim auf die Strahlenburg gestiegen. Von früh an war starker Wind bald von Norden, bald von Süden, welches letztere ausschlaggebend blieb zu unserem Glück, denn so trieb es uns in unsrer Wegrichtung vorwärts. Ich hatte eigentlich nicht geglaubt, daß ich den ganzen Weg schaffen würde, aber Frl. Seidel lag so viel daran und ich wollte sie nicht enttäuschen. Sie nahm auch sehr freundlich Rücksicht auf mein sehr gemäßigtes Tempo und es war ja auch eine zauberhafte Pracht, durch die wir wanderten. Alles, aber auch alles blüht auf einmal von den Pfirsichen, Zwetschen, Birnen, Kirschen bis zu den ersten Frühäpfeln. Aber wie zauste der Sturm in den Zweigen!
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| Ganze Blütenbüschelchen warf er auf den Weg, auch ganze Trauben goldgrüner Ahornblüten. Der Himmel war ziemlich bewölkt, besonders über der Pfalz, aber bald hier, bald da war die Wolkendecke zerrissen und es fielen entzückende Lichter, die wundervolle Farbflecke in der Rheinebene aufleuchten ließen. Und dann, nach dem etwas mühsamen steilen Abstieg zur Burg, kam auch ein materieller Genuß: eine warme Suppe, ein vorzüglicher Pfannkuchen mit Schinken, und – ein Schnaps!, d. h. eigentlich wars mehr ein Likör. Aber wir waren so durchgepustet, daß wir gern ein wenig "einheizen" wollten. Alles in allem 2,50. Als wir zur Bimmelbahn aufbrachen, stellte sich heraus, daß erst in 5/4 Stunden wieder ein Zug ging, und da der Wartesaal am Bhhof der denkbar abscheulichste ist, entschlossen wir uns an dem Platz, auf dem damals bei unserem ersten gemeinsamen Wege Meßtrubel war, im Gasthaus zur Linde noch eine Tasse richtigen Kaffee zu trinken. Das war ganz nützlich,
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| denn bei der Ankunft am Bismarckplatz brach gerade bei unheimlichem Sturm ein Platzregen los, der mich trotz größter Eile gründlich durchnäßte, bis ich an der Bahnhofstraße wieder einen Wagen erreichte. Einen Schirm aufzuhalten war unmöglich. Jetzt nun stehen aber friedlich und frisch einige Blüten von Schlehen, Ginster, Anemonen und Veilchen vor mir und reden nur davon, wie schön es war. Das einzige Bedenken ist nur, daß es etwa Euch ähnlich ergangen sein könnte und das wäre ja bei Deiner Erkältung wenig erwünscht! Ich dachte lebhaft an Dein Erlebnis vom Gnadensee und bin froh, wenn Du diesmal solche Ausflüge nicht unternimmst. — Wir waren von 10 Uhr bis 2½ unterwegs und nachdem ich zu Hause etwas ausgeruht hatte, bin ich zu Frau Héraucourt gegangen, die mich eingeladen hatte. Wir haben viel Ernstes und Innerliches gesprochen, Kaffee und Kuchen genossen und nachher las ich ihr noch auf Wunsch zum zweiten Mal deinen Aufsatz in der "Pforte" vor, für den sie trotz ihrer Kirchlichkeit echtes Verständnis hat. Ich liebe
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| ihn sehr und hatte ihn ihr vor kurzem mal mitgeteilt.
Morgen wird nun Frl. Mathy zu mir kommen. Ich bin froh, daß ich den Spieß umdrehte und nicht zu ihr fahren muß, denn es wird wohl kaum morgen schon ein Wetter sein, das ins Freie lockt. – Und am Karfreitag war ich ganz unvermutet zum Abendessen bei Koelles, Vater und Tochter, die mich am Vormittag aufforderte. Auch die Schoepffersche Nichte, Frau von Buchwald war da, und die Stimmung ganz behaglich. Wir werden allmählig ganz nett bekannt, wenns auch kein Ersatz für Schoepffers ist.
In meiner Weltuntergangsstimmung habe ich mich immer wieder gern durch Lektüre abgelenkt. Aber zur Ablenkung war das, was ich las eigentlich nicht geeignet, denn überall trat mir das Leben in seiner Problematik entgegen: Berlin um 1800 – Kleist, der Unverstandene – und jetzt Gobineau, Renaissance!! Überall
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| die gewaltsame, nicht zu lenkende Bewegung des Lebens! Es kann sie wirklich nur der Einzelne in sich möglichst zum Einklang bringen und es erfordert immer von neuem die ganze Kraft. Welch eine Gabe ist es, daß Du begnadet bist, solche Kraft in dieser verworrenen Zeit auszustrahlen! Wie bin ich dankbar, an Deinem Leben teilzuhaben!
Daß Du nicht nach Zürich gehst, ist mir ein beredter Ausdruck Deines Wesens, das nicht nach Effekt sondern nach helfender Wirkung strebt. Und wie nötig haben wir die in unserm armen Deutschland. Über die geplanten Sachen würde ich so gern Datum und Thema erfahren!

Am 2. Feiertag. Mit Frl. Mathy war es wie immer ein angenehmes Zusammensein. Und sie ist eine so tüchtige Kraft im Hause, daß sie mir gleich geholfen hat, alle Spuren dieses "Festessens" wieder zu beseitigen. Ich war froh bei diesem Wetter nicht ausgehen zu müssen, denn es ist wirklich trostlos. Wenn es weiter so bleibt,
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| wird es wenig Obst geben. – Ich hoffe auch ganz besonders für Euch auf baldige Wetteränderung und daß Ihr für die Ostertage ungestörte Ruhe daheim genießen konntet.
Du wirst denken, ich hätte ein recht zerstreutes Leben geführt, und es scheint mir selbst so. Ich war sehr viel unterwegs in all diesen Tagen und werde die gewohnte Ruhe wieder doppelt schätzen. Dann werde ich auch hoffentlich wieder mal einen Brief schreiben, der nicht nur Tatsachenbericht ist.
Für heut aber will ich nun Schluß machen und diesen hier noch in den Kasten bringen, daß er morgen früh auf die Bahn kommt. Er soll Dir viel innige Grüße und gute Wünsche für Dein Befinden bringen und Dir sagen, wie ich beständig Deiner in sorgender Liebe gedenke. Grüße auch Susanne herzlich und sage Ida einen Gruß.
Trotz Regen und Sturm in österlicher Gewißheit
Deine
Käthe.