Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16./18. April 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16. April 1950
Mein liebes Herz!
Seit Donnerstag verfolge ich den Barometerstand stündlich und beschwöre den schlecht gestimmten Petrus endlich freundlichere Saiten aufzuziehen, aber vergebens. Immer wieder lasse ich mich von einem plötzlichen Sonnenschein täuschen, so am Freitag, so heute morgen, aber dann entlädt sich wieder eine dicke, schwarze Wolke. Der Wetterbericht ist besonders für den Süden ungünstig, und schon bei uns muß man die guten Stunden im Fluge erhaschen. So war ich heute z. B. von 4 bis 7½ Uhr in Ziegelhausen, da man gestern am Samstag lieber nicht ins Freie ging. Wenn ich nur wüßte, ob Ihr wirklich in Überlingen seid? Ich hoffe ja, es morgen früh zu erfahren, denn z. Z. Deines letzten Briefes war es noch nicht sicher. Ich hätte Dir so sehr einen schönen Aufenthalt dort gewünscht, und nach den hiesigen Wetterbedingungen muß ich meine Hoffnungen für
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| Deine Erholung darauf reduzieren, daß es wenigstens einige Tage der Ruhe und womöglich in einem behaglichen, Dir angenehmen Hause sein möchten. Könnte ich Euch doch rasch für ein Stündchen besuchen! Heut nacht traf ich mit Dir mal wieder zusammen; es war auf der Eisenbahn und sehr flüchtig.
Ich träume überhaupt viel eben, auch häufig von Dir, aber nichts Wesentliches. Umso lieber kehren meine Gedanken zum letzten Wiedersehen am Bahnhof zurück.
Schrieb ich Dir schon, daß der Leiter der Buchherstellung bei Springer anfragte, ob ich bereit und in der Lage sei, Aufträge auf Zeichenarbeiten zu übernehmen? Das würde mich natürlich sehr freuen; und ich werde am Dienstag mal zu einer Rücksprache hingehen. Direkt vorliegen tut im Augenblick nichts. Bei dieser Gelegenheit habe ich jetzt auch erfahren, daß Prof. Gans wieder in Frankfurt seine frühere Stellung hat. Das freut mich.
Mein Ausflug heut war recht begünstigt,
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| nicht einen Regentropfen bekam ich ab, und es waren wundervolle Farben im Neckartal. Die Blütenbäume sind noch so im Flor, als wenn sie durchaus einen günstigen Tag zur Befruchtung abwarten wollten, trotz Regen und Sturm. – Bei meiner Waschfrau fand ich nach langen Sorgen wieder Zuversicht auf Besserung. Die Diagnose der Klinik hat sich als falsch erwiesen und der Patient erholt sich sichtlich bei der neuen Behandlung.
Weniger erfreulich ist immer der Besuch bei Frau Dr. Fr. – und der guten, alten Mutter. Das heißt, die Damen sind immer sehr liebenswürdig zu mir, auch die Tochter aus Erfurt war anwesend, die ich sehr gern habe, aber Frau Dr. ist in einem derart überreizten Zustand, daß man ernstlich besorgt sein muß, und die ganzen Verhältnisse sind durch ihre Unfähigkeit und manch äußere Bedingung so schwierig, daß auch die sehr tüchtige und hilfsbereite Schwester an der Möglichkeit zu helfen zweifelt. – Mich erinnert die Situation sehr an das Schicksal von Tante Jenny, der Schwester von Mutter Lili, die in der Nervenanstalt endete. Aber sie zog doch
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| nicht Mutter und Schwester mit in das Verhängnis, wie diese hier.
Heute ist nun Frau Héraucourt auf dem Speyererhof gegangen. Seit sie sich in ärztliche Behandlung gab, ist sie sichtlich passiver dem Leben gegenüber geworden und ich hoffe, sie soll wirklichen Nutzen von dem Aufenthalt und der Ruhe haben, besonders da sie von der Tochter immer tröstliche Nachricht hat, wie sie sagt. –
Dagegen ist meine liebe Frau Moser dauernd kränklich und ich sehe mit Bedauern das Ende unsrer Beziehung nahen. Eine so tüchtige, brave und angenehme Hülfe werde ich nicht so leicht wieder bekommen. Sie hoffen übrigens auf eine Ansiedelung in Weinheim.
Ich bin heut einem Besuch bei Dr. Hoffmanns zur Erstkommu[über der Zeile] nion ihres Jüngsten aus dem Wege gegangen und habe mich mit einem schriftlichen Glückwunsch begnügt. Bei der Gelegenheit war auch Dr. Drechsler wieder mal hier und hat mich freundlicherweise auch besucht. Wenn er nur nicht immer so feierlich und theoretisch wäre. Der Neffe,
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| Rudolf Nitsche hat jetzt die praktische Arbeit für sein Diplom-Chemiker-Examen beendet und da ich Gelegenheit hatte, ihm ein wenig mit Zeichenutensilien auszuhelfen, zeigte er mir auch das fertige Opus. Es war wirklich geschmackvoll und fein als Erscheinung, und da man als Laie garnichts davon versteht, erklärte er mir auch die Bedeutung der Abbildungen und Curven. Es steckt die Arbeit eines ganzen Jahres voll raffiniertester Messungen und künstlicher Herstellung von Apparaten darin, um festzustellen in wieweit ein bestimmter Draht von Gasen angegriffen wird. Ich staune, wie subtil dieser junge Mann im Beruf arbeitet, der im übrigen Leben so zerstreut und achtlos ist.

Am 18.IV. Wie froh und dankbar war ich, gestern Deinen lieben Brief vom 15. zu bekommen. Ich habe ihn gewiß schon 7 mal gelesen und freue mich, daß Du Dich so gutmütig mit dem schlechten Wetter abgefunden hast. Da keine durchgreifende Besserung, sondern
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| nur erneutes Fallen des Barometers stattgefunden hat, werdet Ihr vermutlich morgen wieder in Tübingen sein. Hoffentlich doch etwas erfrischt. Mir ist Schrießheim vorzüglich bekommen. Solch Sturm wirkt wie eine gute Massage. Auch heut ists im Tal wieder recht bewegt. Ich war bei Springer, beim Leiter der Buchherstellung, Herrn Gossl. Ob etwas Reales dabei herauskommt, ist die Frage. Er sprach davon daß Prof. Gans Absichten für eine neue Auflage hätte.
Überhaupt habe ich in diesen Frühlingstagen keine rechte Geduld in dem sonnenlosen Zimmer zu bleiben und war auch gestern unterwegs, mehrere Besuche in Neuenheim zu machen. Leider traf ich die Überlebende im "Weißen Haus" nicht und sprach nur Frau Conrad ganz kurz.
Jetzt aber will ich diesen Wisch zur Post bringen, damit er Euch womöglich morgen bei der Rückkehr begrüßt. Ich wollte Dir nur noch innig danken für Deine treuen Besuche bei Hanne H.; Ich hatte bei meiner Bitte damals garnicht an solch wiederholte Mühe für Dich gedacht. Aber dem armen Menschenkind tust Du sicher eine große Wohltat – Herzliche Grüße auch an Susanne.
<li. Rand>
Immer in liebendem Gedenken Deine Käthe.