Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. April 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26. April 50.
Mein liebes Herz!
Täglich habe ich Dir in Gedanken Dank gesagt für Deinen lieben Brief, der mir so ausführlich von den Tagen am See berichtete. Unmittelbar nach Eurer Heimreise wurde es hier frühlingsmäßig, aber das war nur für einen Tag und so brauchte ich nicht zu bedauern, daß Ihr dort etwa eine günstigere Witterung versäumt hättet. Vielleicht war es recht gut, daß Ihr nicht noch mehr unternehmen konntet, denn es scheint mir so, als ob die Seeluft ohnehin einen starken Einfluß auf die Nerven ausübte, daß Du unmittelbar danach etwas wie eine Herzaffektion spürtest. Hoffentlich war das nur vorübergehend!
Deine liebevolle Besorgnis, daß ich zu viel Arbeit übernehmen könnte, hat mich ganz gerührt. In meiner chronischen Faulheit hatte
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| ich schon in Deinem Sinne gehandelt und beim Verlag Springer erklärt, im geeigneten Fall zu Arbeit bereit zu sein! Es liegt auch im Augenblick garnichts vor, und Prof. Gans schrieb ebenso wenig davon, nur grüßend von seiner Frau und sich, und Besuch in Aussicht stellend.
Den einen schönen Frühlingstag habe ich zu einem recht behaglichen Bummel benutzt. Ich ging vom Panoramaweg den sogenannten Friedrichspfad zwischen den Obstgärten im Schneckentempo, immer wieder stehen bleibend bis an den Waldesrand und genoß aus vollem Herzen den immer freier und farbiger werdenden Blick über die zart verschleierte Rheinebene. Es waren wenige Menschen unterwegs und ich fand oben eine stille Bank, von wo ich dann die Sonne, glühend rot, in den Rheinnebeln versinken sah. Ich mußte dankbar denken, wie schön dies Heidelberg ist, und wie leicht ich von meiner Wohnung aus solch reinen, stillen, andächtigen Naturgenuß haben
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| kann. Das gleicht manches Unerwünschte aus, und ist mehr als sehr viele Menschen jetzt haben können.
Auch ein musikalischer Eindruck sollte mir am Sonntag zuteil werden; aber ich war wohl nicht fähig genug, ihn entsprechend aufzunehmen. Wohl war es schön, aber es blieb mir fern. Bach hat bisweilen schon sehr mächtig auf mich gewirkt, aber war es die Auswahl des Gebotenen, oder der äußere Rahmen in der recht stimmungslosen Kirche, die ein Zwischending zwischen Gotteshaus und Festsaal ist – es berührte mich nicht in der Tiefe. Dabei hätte ja gerade diese Kantate recht verwandtschaftlich auf mich wirken können, da ich auch bei den überwiegend deprimierenden Eindrücken der "Welt" und bei der fühlbaren Abnahme meiner Fähigkeiten häufig denke: "ach, ich bin des Treibens müde"–!
Aber es geht mir doch immer noch so über alles Verdienst gut, denn ich habe durch Dich
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| eine solche Seligkeit im tiefsten Herzen, die von all dem Kampf und Leid ringsum nicht berührt wird. Es wäre ja unglaublich undankbar gegen das Geschick, das mich so wunderbar geführt hat, wenn ich versagen wollte. Ich komme mir nur zuweilen so überflüssig vor. – Du sagst so verständnisvoll schonend, in meinem [über der Zeile] Alter hätte man das Recht zu solcher Sinecure, damit muß ich mich wohl trösten.
Es ist mein Wunsch und Wille, nach Möglichkeit mein Dasein ernstlich zu vereinfachen und übersichtlicher zu machen. Es beschämt mich, wenn ich oft die gerade notwendigen Sachen nicht finden kann, und umgekehrt plötzlich etwas entdecke, was ich ganz vergessen habe. Es war früher bei mir alles am geordneten Platz, aber die Vertreibung hat es durcheinander und übereinander gehäuft, und die Neuordnung haftet nicht mehr im Gedächtnis. Der Absicht, abzustoßen, was nicht unbedingt nötig ist, widersteht mein Widerstreben etwas Brauchbares fortzutun.
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| So segle ich zwischen Skylla und Charybdes dahin, und möchte mir doch so gern die Freiheit von dem unwesentlichen Kram des Daseins verschaffen, um Seele und Zeit frei zu haben für das Wesentliche, was Du so hübsch benennst, "Betrachtung und Teilnahme am Leben der Freunde" – denn das ist in der Tat mein eigentliches Leben, und alles Andere nur leidige Notwendigkeit. Ich möchte auch, wie so oft unser Tanting sagte: "noch vor meinem Ende“ dies oder das erreichen! –
Gestern war ich mit Frau Buttmi in der Stadt und habe viel Geld ausgegeben. Erst waren wir im Verkauf des Frauenvereins, wo getragene Sachen weiterverkauft werden und haben mir den schon lange notwendigen leichteren Regenmantel erstanden. Er ist Dunkelblau, guter Stoff und paßt genau. –
Dann hatte ich schon lange einen neuen Federhalter nötig, denn der alte hat garzu breit geschrieben. Wie findest Du die Schrift mit dem neuen? Er hat doch die Möglichkeit Haar- und
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| Grundstriche zu unterscheiden! Er ist aber teurer, als der Mantel, nämlich 15 M, und der Mantel nur 12! Hinterher haben wir einen guten Kaffee und viel dito Kuchen genossen in einem kleinen Kaffee in der Altstadt, in dem wir auch unbedingt mal einkehren müssen. –
Was sagst Du zu dieser Besprechung Deines Buches? Ob das der Jacobsen ist, den Du mir beim ersten Erscheinen der J.Psych. zuschicktest? Ich erinnere mich, daß ich damals mit ihm von dem Buche sprach, und daß ich Dich im Anschluß an dieses Gespräch fragte, ob er Kommunist sei? Die Besprechung jetzt paßt in den Zusammenhang, aber sie verrät Verständnis. Doch mißfällt es mir, daß er die Gelegenheit so ausgiebig benutzt, Herrn v. E. herunter zu putzen. Einmal hätte genügt.x [Fuß] x Hier wollte ich noch hinzufügen, daß ich fast erstaunt bin, daß man endlich auch hier in Heidelberg mal <Kopf> nicht mehr umhin kann, von Deiner geistigen Potenz anerkennend Notiz zu nehmen.
Heut abend habe ich eigentlich den Bruder Matussek erwartet. Er scheint noch in Marbach zu sein. Hier fängt ja auch das Semester noch
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| nicht an und war auch so vorgesehen. Nur Du hast so rennomiert mit dem Tübinger Fleiß!! Du kannst gewiß diese relativ ruhige Woche recht gut gebrauchen. Wenn Du sie doch noch etwas ferienmäßig anwenden wolltest! Leider ist ja irgendwelcher Naturgenuß bei Euch ebenso ausgeschlossen wie hier. Die bewußte Wetterfahne kreiste unermüdlich um ihre Stange, und alle dann und wann goß es im Wechsel mit heuchlerischer Sonne.
Was habt Ihr für ein sonderbares Schauspiel in Eurem Theater gehabt. Davon war sogar bei uns in der Zeitung ein Bericht, der von einer ziemlich wirkenden Mischung aus Kriminalistik und Gespensterkunde redet. Aber imponieren tat mir der Mut, mit dem Dibelius den Standpunkt der Kirche vertritt.
Daß Cilli Dir das Töchterchen nicht meldete, ist nach dem Vorhergegangenen ja natürlich. Aber ich bedaure sie, und da ist ja bei Lebzeiten der Mutter keine Änderung zu erwarten.
Erstaunt bin ich eigentlich, daß Maria Dorer mir den Tod ihres Vaters nicht mitteilte. Das
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| letztemal schrieb sie mir damals, um Eure Durchreise zu erfahren.
Du erwähnst, daß Hanne Héraucourt auch Blutübertragungen bekam. Das war schon hier der Fall. Es soll wohl dem Giftstoff in ihr entgegen wirken. Ob da wirklich nicht mehr zu helfen ist? Von der Mutter auf dem Speyrer Hof habe ich noch nichts gehört. Auch sonst schweigt sich die Welt aus, naturgemäß, da ich so schreibfaul bin.
Morgen ist der Tag mit Frau Moser. Sie kommt um 9 Uhr, da muß schon Milch etc. geholt sein, drum will ich jetzt aufhören daß ich den Brief dann gleich mitnehmen kann. Er soll Dich viel tausendmal grüßen, und Dich bitten, Dich zu schonen – um meinetwillen. Ich sollte Dir all die lieben Ermahnungen zurückgeben, die Du bei Deiner Arbeitslast viel nötiger hast als ich, obgleich ich so viel älter bin!
Grüße Susanne herzlich, ich werde ihr auch mal wieder schreiben, aber wann?!
In innigem Gedenken
Deine
Käthe.