Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7./8. Mai 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. Mai 1950
Mein liebes Herz!
Mir ist, als hätte ich seit einer ganzen Ewigkeit keine Nachricht von Dir gehabt, und es ist ja auch in der Tat recht lange her, daß Dein lieber Brief vom 20. April zu mir kam. – Inzwischen hat nun das Semester angefangen, nach einer viel zu kurzen Erholungszeit, die Du Dir leider nur gegönnt hast. Sind die Studenten mit dem entsprechendem Eifer wiedergekommen, daß Deine gewissenhafte Treue sich belohnt? Hier wäre der Betrieb noch nicht wieder voll in Gang, sagte mir am vorigen Mittwoch der Bruder Matussek. – Wie geht es mit Deinen Augen? Hast Du Dich an die Benutzung der Brille gewöhnt? Es wäre vielleicht gut gewesen, das schon früher zu tun. Das schont sie. Ich empfinde es entschieden als nützlich, daß ich die halbgeschliffenen Gläser jetzt dauernd
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| trage. Man vermeidet dadurch das beständige Umstellen und die Anstrengung gewaltsamer Anpassung. Es muß nur eine recht verständnisvoll verordnete Brille sein. Meines ist noch die s. Z. von Prof. Seidel in Jena bestimmte. – Im allgemeinen bin ich aber auch der Überzeugung, daß die Beschwerde mit den Augen auch mit dem Gesamtbefinden zusammenhängt. Und darum bin ich auch mit deshalb betrübt, daß Du Dir nicht eine etwas längere Arbeitspause gegönnt hast. Es wäre keine verlorne Zeit gewesen.
Mir geht es unverdient gut, denn ich bin von einer sträflichen Faulheit. Es ist garnicht ratsam, daß Du mich in Deiner fürsorglichen Güte auch noch darin bestärkst, denn wohin soll das führen?! Ich mache mir bereits Sorge, daß ich bei der Rücksprache mit Springer garnicht interessiert genug meine Arbeit angeboten habe. Es ist überhaupt nicht meine Art, mich lobend zu empfehlen. So bleibt die Sache nun
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| vielleicht blinder Lärm. Das wäre mir recht leid.
Was hast Du zu der Besprechung von Jacobsen gesagt? Ich habe jetzt erfahren, daß er Redakteur unsrer Rhein-Neckarzeitung ist, und es kommen jetzt öfter Artikel von ihm in unserm Blatt. – Lebhaft erinnert wurde ich an den Sommer 1904?, wo wir hier zusammen Vorträge in der alten Aula hörten, und wo die Rede war vom "psychologischen Parallelismus". Jetzt haben wir hier unter Mitscherlich das Institut für Psychosomatik. – Damals begegnetest Du zum ersten Mal dem Vorstand! Ich sehe die Stelle auf dem Universitätsplatz noch vor mir. –
Seit es frühlingsmäßig geworden ist, habe ich rechtes Verlangen nach der Natur. Ich weiß nicht, ob ich Dir neulich schrieb von dem gemächlichen, stimmungsvollen Spaziergang, den ich allein bei feiner Sonnenuntergangsbeleuchtung oberhalb vom Panoramaweg machte? Seitdem habe ich mehrfach wieder dazu
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| einen Anlauf genommen, es glückte aber nicht. Gestern nun bin ich mit Frau Buttmi in der gleichen Richtung, aber weiter zum Speyererhof gegangen, wo wir Frau Héraucourt besuchten, die dort an einer Herzschwäche in Behandlung ist. Der Aufenthalt ist um diese Jahreszeit dort beneidenswert schön. Die Anstalt ist jetzt nicht mehr Sanatorium, sondern Krankenhaus, also auch für Kassenpatienten zugänglich. Wir tranken dann unten alle drei einen guten Kaffee in dem Restaurant, das auch Passanten offensteht. (Zur Kenntnisnahme für ein andermal!) – Frau H. wohnte in No 166, und in No 112 konnte ich Frau v. Braunbehrens besuchen, die immer noch nicht von dem schrecklichen Autounfall geheilt ist. Sie hat eine Nervenverletzung, die ihre Hände fast gelähmt hat, die Gefühlsnerven sind taub und es ist nur ein beständiges Kribbeln darin, wie ich es kenne aus der Zeit, als meine Hände erfroren
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| waren. –
Auch Frau Buttmi ist eigentlich Patientin. Sie hat gestern einen dick verbundedenen Finger gehabt, der tagszuvor unter Narkose aufgeschnitten wurde. Wir machten dann den Rückzug über den allbeliebten Speyrerhofweg, der mir von Dir aus dem Jahr 1903 erzählte. Ich begleitete sie dann ins Diakonissenhaus, wo sie frisch verbunden wurde. Ich finde, daß sie sich immer zu viel zumutet.
Und nun noch, was eigentlich hätte zuerst kommen sollen!: hast Du von Hermann die direkte Nachricht bekommen, daß ihnen ein Töchterchen, ein Siebenmonatskind geboren ist? Du wirst Dir denken, daß ich darüber keine unbefangene Freude empfinden kann. Welche Aufgabe für die junge Frau unter den engen Verhältnissen, wie problematisch die Erziehung bei einem so alten Vater! Aber — sie müssens ja wissen und bestehen.
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Was soll man zu der politischen Atmosphäre sagen? Es wird alles so unverblümt ausgesprochen, daß man das Gefühl hat, es sei eine Flucht in die Öffentlichkeit. Aber der Einzelne riskiert damit doch persönlich seine Sicherheit, und so finde ich die Erwiderung von Dibelius sehr tapfer. —  — Wißt Ihr eigentlich, auf welche Weise Susannes Schwager verschwand? Von Anna W. erfuhr ich jetzt, daß Adolf amtlich zu einer Auskunft aufgefordert wurde und von dieser Besprechung nicht wiederkam. —
Meine Abendlektüre sind jetzt Bismarcks Briefe an Braut und Gattin. Welch ein Feuerkopf ist dieser Mann! Immer unbedingt geradeaus. Derb und deutlich und doch auch wieder maßvoll und vornehm! – Aber jetzt will ich noch ein paar Briefe lesen und diesen Zettel bis morgen aufheben, vielleicht bringt mir die Post etwas von Dir! Ob Ihr heute bei dem schönen Wetter fort wart?  –   8. Mai. Da habe ich also nicht umsonst gehofft, und ich kann Dir gleich noch für den Bericht der vielen interessanten Ereignisse danken. Vor allem freut mich der stimmungsvolle Semesterbeginn. <li. Rand> Hoffentlich gibt Dir das neu belebende Kraft; und die übrige Ablenkung <Kopf> wirkte vielleicht als verlängerte Ferien. Und so schließe ich für heute, erfreut und mit vielen guten Wünschen.
<li. Rand S. 5>
In steter Treue
Deine Käthe.