Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21./22. Mai 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg, 21.V.1950.
Mein liebes Herz!
Diesmal hatte ich nun garnicht schon wieder auf eine Nachricht von Dir gehofft, umso größer war die Freude und noch dazu diese schöne Aussicht auf ein Treffen in Maulbronn! Innigen Dank für beides!
Du schreibst von Arbeit, in der Du untergegangen warst, und ebenso war ich in der verflossenen Woche hingenommen von der Zeichnerei für die Augenklinik. Den ganzen Himmelfahrtstag habe ich mich damit geplagt, habe am Freitag – wie bestellt – abgeliefert, aber die verheißene Abnahme durch den Chef fand nicht statt, weil er den Tag nicht anwesend war. Und nun habe ich überhaupt noch nichts darüber gehört. So ists nämlich immer: erst hat die Sache ungeheure Eile, und dann leiert sichs hin. Aber ich denke, wenn der Fall nicht erledigt wäre, hätte ich es gehört. In dieser Voraussicht, habe ich auch den versäum
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|ten Feiertag gestern nachgeholt, und bin mit Norbert Matussek um 8 Uhr mit der Bergbahn auf den Königstuhl [über der Zeile] 550 m gefahren. Es war ganz wundervolles Wetter, sonnig ohne heiß zu sein, und unser Weg ging immer durch den maigrünen Wald der von Tannen- und Blütenduft erfüllt war. Ganze Strecken mit blühendem Waldmeister weckten "berauschende" Erinnerungen, und nach jeder sonstigen Blüte erkundigte sich der in Botanik völlige Neuling. Aber auch sonst haben wir immer lohnenden Gesprächsstoff und unsre Wanderwünsche stimmten recht gut zusammen. Wir gingen über Leopoldstein [über der zeile] 525, Drei Eichen [über der zeile] 465 nach Gaiberg [über der Zeile] 225, dort gab es auf stiller Terrasse einen leidlichen Kaffee und guten Kuchen bei längerer Ruhe. Dann holten wir bei dem Wirt eine sehr anschauliche Auskunft für den Rückweg ein, über Linsenteicheck [über der Zeile] 310, Auweg nach Schlierbach [über der zeile] 120. Es waren [über der Zeile] überhaupt lauter höchst bequeme Wege, eigentlich nur ein ständiges sanftes Bergabgehen in herrlicher Luft von 2 x 2 Stunden. Ich hätte ruhig noch weiter wandern können,
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| und habe wundervoll danach geschlafen. Was ich nicht vertragen kann, ist schnelles Bergaufgehen. Aber alle Leute reden immer so viel von der ungewöhnlichen Leistungsfähigkeit bei meinem Alter, daß es mir ganz peinlich ist. Ich muß ja wohl einen recht kümmerlichen Eindruck machen. – Auch Du, mein geliebtes Herz, gehst immer mit mir wie mit einem rohen Ei um, und ich bin doch so garnicht gewöhnt, mich zu schonen und fahre gut dabei. Denn wie sollte ich in meiner Situation bestehen! Es gibt ja genug, wo ich zu meinem Kummer versage, und sogar bewußt nachlasse. Aber Du mußt mich dazu nicht auch noch ermuntern, liebes Herz, denn dann nimmt es womöglich überhand.
Bei Deinem Vorschlag nun mit Maulbronn sehe ich garkeine Schwierigkeiten. Ich kenne die Situation dort, es ist garnichts Anstrengendes. Ich bedaure nur, daß ich nicht rechtzeitig mit Dir dort eintreffen kann. Über die Richtigkeit der von Dir angegebenen Züge werde ich mich
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| bei der Auskunft noch erkundigen Im übrigen aber freue ich mich von Herzen darauf! Es wird mir auch von Wert sein, einige Bedenklichkeiten mit Dir zu besprechen, die mir zu schreiben zu umständlich sind.x [li. Rand] x Mit Geld bin ich noch gut versehen! Ich werde mir dafür Notizen machen, denn Du glaubst garnicht, wie wenig Geistesgegenwart ich immer habe, wenn eine Möglichkeit zur Aussprache ist.
Daß aus Deinem Herkommen zu einer Akademie-Sitzung nichts wurde, ist bedauerlich. In gewissem Sinne aber ist es auch ganz gut, daß Besuche in Heidelberg für Dich keinen offiziellen Charakter bekommen, denn dann würde für mich sicher nur eine Form von Verzicht dabei herauskommen. Gekränkt aber bin ich wieder, daß Du immer von [über der Zeile] der Sippschaft hier so nachlässig behandelt wirst. Es geht mir da mit Dir, wie Du von Goethe zitierst: man hätte ihm eine Krone aufsetzen können, es wäre ihm [über der Zeile] (mir)! nur selbstverständlich gewesen!
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| So war von allem Anfang an meine Einstellung zu Dir, mein geliebter Freund. Und mir war es wie ein Auftrag von oben, zu Deiner freien Entfaltung, so viel ich vermöchte, mitzuhelfen.
Der Goethe-Vortrag beschäftigt mich noch dauernd. Seit wann sind denn diese Erinnerungen von Stroganoff bekannt? Sie scheinen doch ganz besonders bedeutungsvoll. – Wie fein ist auch Deine Deutung der Paria-Gedichte. Ich hatte sie einfach nur als eine unpersönliche Blüte der West-östlichen Epoche aufgefaßt, und erschienen mir etwas fremd.

22.V. Heut ist richtige Heidelberger Schwüle. Da wünscht man sich weit fort, und ich hoffe, Euer kontrastreiches Tübingen ist nicht so lähmend. Was ist das für eine " Montags-Gesellschaft"? Und für wen hast Du noch zweimal in Stuttgart zu reden? –  –  – Gestern war ich still zu Haus. Nur zu Frau Héraucourt ging ich für eine Stunde und ließ mir von ihren Krankheits- und Wohnungsnöten erzählen. All ihr Streben ist darauf
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| eingestellt, möglichst gesund zu sein, wenn die Tochter aus Reutlingen zurück kommt. Und ich bin so pessimistisch geworden, daß ich garnicht sehe, wie das werden soll. Wird diese Hanne überhaupt wieder in privaten Verhältnissen leben können? Und die Mutter ist jetzt so bewußt herzkrank, daß sie kaum zur Pflegerin taugt. Es ist recht traurig.
Du schreibst auch von Hermann und den Bedenken, die man für ihn hat. Ich glaube ja nun, daß wir die Möglichkeit der drohenden Sorgen mehr sehen als er. Ich bin etwas beunruhigt, daß Erika länger mit Fieber zu tun hatte, und nicht am 10. entlassen wurde, sondern am 17. noch im Krankenhaus war. Ich hoffe aber doch, daß sie im Grunde gesund ist, und bei ihrer Jugend für das Kind das an Frische aufbringt, was dem alten Vater abgeht.
Aber der Brief soll fort und ich muß einkaufen gehen. Werdet Ihr in der Pfingstwoche Ferien machen, daß Du Donnerstag frei bist? Ich wollte noch sagen, daß ich eine Schrift von Rothacker hier habe, die Dr. Matussek von Dir geliehen hatte. Soll ich sie nach Maulbronn mitbringen, oder als Drucksache direkt schicken? – Ich freue mich, daß Du eine Vorlesungsstunde weniger hast, und hoffe, daß Du die G.G. wieder los wirst. Laß Dich <li. Rand> keinesfalls da einschlachten! Ich grüße Dich innig und lasse die Andren auch <Kopf> herzlich grüßen. Immer
Deine Käthe.