Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. Juni 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg, 4. Juni 1950
Mein liebes Herz!
Immer wieder taucht vor mir unser wunderschöner Wanderweg durch den sonnigen Wald auf, der gerade durch die leise Ungewißheit der Richtung einen eigenen Reiz hatte, und der in Wirklichkeit der einzig richtige und lohnende war. Alles Äußere fügte sich, wie in freundlichem Einverständnis, unsern Wünschen; oder – war es die Folge deiner sinnvollen Planung?! Nur der stille, weltferne Friede, der früher in diesem umhegten Bezirk herrschte, war nicht mehr da. Aber hatten wir ihn nicht zwischen uns mitgebracht, unvergänglich im Herzen von unsrer Reichenau, wenn sie uns auch – wenigstens gemeinsam, nicht mehr zugänglich ist?
Nachdem Du fort warst, war ich noch ganz
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| umfangen von diesem Gefühl in tiefer Dankbarkeit. Die halbe Stunde an der sonnigen Ecke des einfachen Wirtshauses verging schnell bei dem Abendlied der vielen Waldvögel. Und neben mir konnte ich beobachten, wie die Eltern unsrer kleinen Bekannten in einer ruhigen, gebildeten Art die ältere Schwester zurechtwiesen, die etwas heftig mit der Kleinen zankte, weil sie mit dem Rad ungeschickt verfuhr. Auch da fiel mir wieder auf, ebenso wie bei dem Führer im Kloster, bis in welche Kreise in Deutschland eine wirkliche "Bildung" reicht.
Die Rückfahrt ging ebenso glatt wie die Hinfahrt und 20 Min nach 9 Uhr war ich auf dem Heidelberger Bahnhof, allerdings mit einem dicht besetzten Zuge, wo ich nur durch Mithilfe einen Sitzplatz bekam. Hoffentlich bist Du ebenso gut nach Haus gekommen und war Dir das viele Wandern in der
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| Sonne nicht zu viel. Bei mir hat es eine sehr angenehme Wirkung gehabt, denn ich leide ja durchschnittlich an Sonnenmangel. Da ist mir diese augenblickliche Witterung, die mit all dem reflektierten Licht auch mein Zimmer durchleuchtet eine rechte Wohltat.
Und die Gedanken leben in dem, was Du bei unsern Gesprächen in mir anregtest. Da ist das Bewegendste natürlich die so unerwartete Nachricht über die Berufsstellung. Es ist eine Sache, die mich schon je und je beschäftigte. Als Du in Tübingen wieder den reichen Wirkungskreis des Lehrers fandest, schriebst du mir einmal: Du hättest Dich vorher schon mit dem [über der Zeile] stillen Geschick des Gelehrten und Schriftstellers etwas abgefunden gehabt. – Wenn dann wieder die Wellen der Anforderungen Dich zu sehr von der persönlichen Linie abdrängen wollten, dann mußte ich an den Tag zwischen Seefeld und Mittenwald denken, und wir auf einer hohen, freien Lichtung gingen und Du davon sprachst, eine Kulturphilosophie schreiben zu wollen. Und so verstehe ich sehr
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| wohl Deine Bedenken bei der Entscheidung über die Gestaltung der nächsten Zukunft. Die eigentliche Frage ist wohl die, ob Du die belebende Wirkung, die für Dich in der Berührung mit der aufnahmebereiten Jugend liegt, nicht zu sehr entbehren wirst. Aber es wird auch viel Lästiges und Zeitraubendes fortfallen, (auch in der Korrespondenz!) Du wirst den Entschluß in Dir reifen lassen, wie es Deine Bestimmung ist, nicht nach äußeren Gründen. Was an der unmittelbaren Wirkung auf die Jugend aufhören würde, die vielleicht vielfach noch garnicht ihren tiefen Wert schätzen kann, würde für einen viel weiteren Kreis bleibend festgehalten in einzigartiger Klarheit. Wie sehr fühle ich diese Deine Gabe wieder an der Stadelmann-Rede. Welch ein veredelndes Sehen ist da wieder vermittelt.
Dann beschäftigt mich auch noch, was Du über die Auffassung des Mittelalters sagtest.
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| Wird denn wirklich Alles, was der Menschengeist Hohes besitzt und hervorbringt nur zu einem Werkzeug der Macht? Wie gut, daß auch die Innerlichkeit sich immer von neuem wieder auflehnt und behauptet! Mögest du weiter, so oder so, diese Keime aus der Tiefe zu wecken und zu stärken fähig sein. –  –
Leider ist ja alles bei solch einem kurzen Wiedersehen nur eine Andeutung im Fluge, und ich bin so ungeübt in rascher Auffassung und Reaktion. – Auch über die Frage von der Aufbewahrung der Briefe bin ich mir nicht klarer geworden, denn Dein Vorschlag hat mich eigentlich abgeschreckt. Aber eine solche Möglichkeit verhandelte ich hier schon vor Jahren mit Prof. Sillib. Aber damit würden ja Deine Briefe für mich völlig unerreichbar werden. Ich hatte mir vorgestellt, sie irgendwie in Deine Obhut zu geben! – Meine Bedenken über die sinnvolle Auflösung meiner Hinterlassenschaft
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| sind aber in letzter Zeit [über der Zeile] überhaupt nicht geringer geworden, seit mein Bruder als erneuter Familienvater wenig Sinn dafür haben wird. Aber vorläufig will ich mal selbst noch nach Möglichkeit ordnen und sichten.
Eine dicke Wolke hat ein rechtes Gewitter über uns entladen, und nun ist der Himmel wieder völlig klar. Wie werdet Ihr den Sonntag verbracht haben? – Ich hoffe bald mal eine gute Nachricht von Dir zu bekommen und zu hören, daß Du ein ebenso ungetrübtes Erinnern von unserm Beisammensein mitgenommen hast. Ich grüße Dich innig im Sinne dieses schönen Tages, mit herzlichen Wünschen und voll Dankbarkeit.
Immer
Deine
Käthe.