Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. Juni 1950 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 18. Juni 1950
Mein liebes Herz!
Die Erinnerung an den 1. Juni klingt noch immer lebendig in mir nach, und meine Gedanken kreisen oft um die Tatsache, die Du mir damals so ganz unerwartet mitteiltest. Und ich frage mich immer, wie Du Dich dabei entscheiden wirst? Wann und wie hattest Du eigentlich die überraschende Mitteilung bekommen? Nach der ersten Bestürzung empfand ich es eigentlich wie einen Wink des Himmels, der Dir zu einem Entschluß helfen will, der schon länger in Dir reif werden wollte. Dann aber kommt auch wieder das Bedenken, ob Du die Lehrtätigkeit nicht schmerzlich vermissen wirst? Natürlich kannst Du freiwillig auch weiter eine Vorlesung halten, etwa
[2]
| in dem Gebiet, in dem Du für Dich arbeitest. Aber das ist etwas Anderes als der volle Betrieb. Und wenn Du Dich überhaupt zur Mitarbeit einläßt, dann bleiben die Ansprüche unberechenbar. – Ich male mir aus, wie vieles fortfällt, wenn man Dich nicht mehr an maßgeblicher Stelle vermutet, wie viele amtliche Pflichten fortfallen werden, wenn Du Dich für die stille Gelehrtenarbeit entscheidest. Das alles ist sehr wünschenswert. Und, so, denke ich, wird eines Tages mit Notwendigkeit in Dir der Entschluß sich formen für das, was Dir Lebensbedingung ist, um das geben zu können, was an helfenden Kräften für unser Deutsches Geistesleben durch Dich wirken will – so oder so!
Äußere Rücksichten haben Dich wohl eigentlich nie bestimmt. Und so selbstverständlich ich Anerkennung und Ehrungen für Dich finde, so wenig bestimmen sie mir den Wert Deines
[3]
| Seins und Wirkens. Und mit andächtigen Wünschen sind meine liebevollen Gedanken bei Dir.
Meine eignen Probleme sind dabei ganz in den Hintergrund getreten. Es ist ja bei mir auch vorläufig nur ein Erwägen und Abtasten von Möglichkeiten. Vorläufig meldet sich mal wieder der Beruf. Dr. Siebeck, (der Sohn des hiesigen theologischen Mediziners) will Landkarten mit der Einzeichnung von Seuchengebieten kopiert haben. Das gibt eine recht mechanische und difficile Arbeit. Aber ich freue mich, wenn ich mal wieder was verdienen kann. – Sonst bin ich mit allerlei Flickarbeit recht nützlich beschäftigt. Es ist immer noch das Zweckmäßigste, die alten Sachen möglichst zu erhalten. Das Neue ist teuer, aber viel weniger wert. – Die Hitze hat mich viel im Hause gehalten. Es war wieder tagelang das üble Heidelberger Wetter mit täglichen Gewittern. Aber heut, am Sonntag,
[4]
| ist es viel erträglicher. Ob Ihr irgendwo im Walde wart?
Die Festlichkeiten beim Besuch von Heuß hatten etwas sehr heimatlich-gemütvolles. Ich bin begierig, mal beim nächsten Wiedersehen etwas über Deinen persönlichen Eindruck zu hören.
Frau Héraucourt ist in Nauheim zur Kur, um womöglich gesund zu sein, wenn Hanne (ich glaube etwa 10. Juli) herkommt. Beide Patienten schreiben von Besserung. – Frau Buttmi ist wie immer ungeheuer tätig und der Finger ist heil. Am Dienstag wurde ich bei Frau Franz (Mathy) und Tochter zu Tisch und Kaffee sein, und am Donnerstag einen ganz kurzen Gratulationsbesuch beim 80jährigen Herrn Heinrich machen.
Was Du über Deine Briefe schreibst, hat so noch nicht meine Zustimmung. Ich wollte, wir könnten mal eingehend darüber reden.
Ich grüße Dich innig und hoffe, daß Dir die Wärme wohltut. Grüße auch Susanne herzlich.
Immer getreu Deine Käthe.

[Kopf] Die alte Frau Venediger hatte schwere Anfälle von Herzschwäche.

[5]
|
<dieser "Zettel" ist vermutl. eine Geburtstagspaketbeilage vom gleichen Tag oder vom 25.6. und wurde getrennt verschickt>
Sonntag abends.
Liebes Herz!
Einen kleinen Zettel mit vielen Glückwünschen muß ich dem Erinnerungsblatt doch beilegen. Es hat immer allerlei Schwierigkeit mit der Verpackung und ob es heil ankommt, ist noch die Frage. Aber es ist ja diesmal nichts Zerbrechliches dabei. Die 4 Bilderchen sind die eignen Aufnahmen von dazumal. Du siehst daran, wieviel schöne Bäume da noch auf dem jetzt so kahlen Hof standen. Oben das Bild ist der Überblick, wohin wir uns nicht mehr versteigen wollten – darunter der Gesamteindruck beim hereinkommen. – Von der schönen Innenarchitektur durfte man ja keine Aufnahmen machen. –
Erzählen wollte ich noch, daß ich – etwa vor 14 Tagen mal mit den Dr. Zollinger E einen Weg über den hiesigen Friedhof machte. Er ist ein liebenswürdiger, natürlicher Mensch. – Der junge Matussek hat den
[6]
| Bruder in München besucht und in ruhiger und in gesundem Fahrwasser gefunden. Von Käte Silber bekam ich einen netten Brief. Sie will auch meinen Vorschlag einen Abstecher nach hier machen, was mich sehr freut. Entweder 3–4. Juli oder Mitte August.x [re. Rand] x Auch Bertha van Anrooy hat sich angemeldet!
Walter schrieb, daß er in Marburg bei Ila gewesen ist. Der Bericht ist betrübend. Du müßtest ihn mal selbst lesen. Die Besorgung der Kasseler Gräber betreibt er recht langsam.
Aber Du hast ja heut garkeine Zeit für so langatmige Mitteilungen! Darum nur noch einmal viel, viel Gutes zum kommenden Jahr.
In treuer Liebe
Deine Käthe.

[] Bitte grüße Susanne vielmals, und auch Ida einen Gruß!