Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. Juni 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25 Juni 1950.
Mein liebes Herz!
Nun ist Dein Geburtstag doch viel rascher herbeigekommen, als ich dachte, und all die liebevollen Gedanken, die Dich unsichtbar ständig umgeben, sollen einen sichtbaren Ausdruck finden! Denn wenn Du auch genau weißt, wie es in meinem Herzen aussieht, so möchte ich meine immer gleich tiefen und treuen Wünsche doch auch in Worte fassen können.
Dazu ist aber dieser trübe, gewitterschwüle Tag, der mir das Schreiben in meinem Zimmer fast unmöglich macht, sehr wenig geeignet. Überhaupt war diese ganze verflossene Woche garnicht so gesammelt, wie ich es mir gewünscht hätte. Drum habe Nachsicht und ergänze selbst aus dem
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| schicksalhaften Gleichklang zwischen uns heraus, was ich Dir sagen möchte!
Nach dem, was Du mir in Maulbronn sagtest, scheint das neue Lebensjahr für Dich äußerlich eine tiefgreifende Entscheidung zu fordern. Ich kann ja nicht in alle Einzelheiten hinein mirr die Consequenzen vorstellen, aber ich vertraue Deinem sicheren Gefühl, das den richtigen Weg für die Entfaltung Deiner Bestimmung finden wird. Denn niemals war mir Deine "Stellung" unter den Menschen maßgeblich für Deinen Wert, so selbstverständlich wie ich jede Anerkennung hinnahm. Sie war mir nur ein Maßstab für die Einsicht der Andern! Darum war mir Deine Mitteilung auch zuerst ganz unfaßlich. Du gabst mir eine Erklärung der Situation, die dazu geführt hat, und daß man Dir zunächst keinen Nachfolger er
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|nennen wolle. Das kann man als Rücksichtnahme für Dich deuten, aber ist es nicht auch eine billige Art, um eine unbezahlbare Arbeitskraft zu gewinnen?
Wie sich auch alles wende: ich vertraue der "inneren Stimme", die uns führen wird wie bisher, durch gute und böse Tage.
Ich hatte Dir schreiben wollen, wie ich das Leben eigentlich viel weniger in seinen Einzelheiten, als in seinem Zusammenhang aus der Vogelschau sehe. (Man sagt wohl jetzt Flugzeugaufnahme!) Da kommt mir nun von Dr. Hoffmann, dem Drechslerschen Schwiegersohn, der Ausschnitt aus der Stuttgarter Wirtschaftszeitung: W.v.M. – da sagst Du, "man ersteigt einen Turm!" Das ist wohl noch entsprechender, und der kleine Artikel ist überhaupt sehr reizend. Aber das Schweben über den Dingen ist mir doch besonders entsprechend, wie ich mir immer wünschte, fliegen zu können.
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| Ich habe wohl zeitlebens etwas wenig mit der Realität gelebt, vielleicht zu wenig! Aber was hätte es genutzt? Es wäre doch nichts davon übrig geblieben.
Ich weiß nicht, ob ich bei meinem letzten Schreiben schon den Auftrag für Dr. Siebeck hatte, von einer riesengroßen Landkarte Europa's, die eingezeichneten Seuchenherde und ihre Übertragungswege durchzupausen. Da müssen wir nun erst eine entsprechende Technik und Ausdrucksform finden. Noch bin ich beim Versuch. – Gleichzeitig bekam ich Obst zum Einkochen und den Dienstag habe ich ganz ausgesetzt, da habe ich einen richtigen Ferientag bei Frau Franz und Tochter Gretel verlebt in einer gepflegten Häuslichkeit, auf schönem Balkon am Abhang des Heiligenberges, in behaglichen Gespräch, in wohltuendem Einverständnis.
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| Aber das mußte ich mit umso größerer Arbeitsbedrängnis in der übrigen Woche bezahlen. Es geht eben leider alles so sehr langsam bei mir. Dazwischen kam noch ein Besuch bei Cläre Espe, die in der Klinik hier eine Operation durchmachte, und ein Besuch im Weißen Haus, wo ich Frau von Braunbehrens noch immer vergeblich suchte. Aber das andre Opfer des Autounfalls hat sich so ziemlich erholt. – Herr Heinrich müßte einen Gratulationsbesuch bekommen, mehrere dringend notwendige Briefe müßten geschrieben werden u.s.w. Dabei bin ich bei der ständigen Schwüle, die eigentlich täglich zunimmt, entsetzlich müde. Oft kann ich abends kaum noch ein Paar Seiten lesen. Und ich habe doch ein so schönes Buch von neuem vorgeholt:
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| Oberlin – von Friedrich Lienhard. – Wie verständnislos war ich doch, als ich es zum erstenmal las. Und wie gehaltvoll ist es an echtem Leben. Ich möchte sagen, auf jeder Seite. Ganz im Gegensatz zu dem Glasperlenspiel, das wir an den Leseabenden mit Frau Buttmi nun glücklich zuende haben.
Dieser Lienhardsche Roman gipfelt in der Gestalt des Oberlin, der in schlichter Natürlichkeit, gesundes und bedeutungsvolles Leben um sich verbreitet. Er hat das echte Schöpfertum, "die Gesetze treu zu bewahren, die uns umgrenzen, und darin frei zu sein –" und so, mein geliebter Freund, bist auch Du. Wie empfindet jeder, dem ich Schriften von Dir zugänglich mache, das unmittelbar lebensvermittelnde Deiner Worte.
Und Du willst die Briefe, die in einzigartiger Weise, Deinen ganzen Entwicklungs
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|gang spiegeln, einfach vernichten lassen!? Das scheint mir widersinnig. Selbst wenn in der Gegenwart "ein Privatleben nicht das Interesse haben" sollte, wie das früherer Menschen, – was mir nicht einmal sicher ist, da es sich nicht um Privates, sondern um die Entwicklung eines bedeutenden Menschen handelt – so wird es bestimmt auch einmal wieder ruhiger in Deutschland werden, und es wird von Wichtigkeit sein zu erforschen, wie in diesen Stürmen ein hervorragender Mensch sich zu überlegener Freiheit und reifer Lebensweisheit hindurchkämpfte. Und so hätte ich noch mancherlei einzuwenden.
Was mich vor einiger Zeit auf den Gedanken brachte, vielleicht in einem Heim Unterkunft zu suchen, war eigentlich veranlaßt durch den Wunsch, dadurch die Möglichkeit zu gewinnen, all die vielen verpackten Schrift-
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| und Drucksachen zu ordnen, die jetzt durch die Vertreibung aus der geordneten Wohnung in eine unübersichtliche Enge mir halb entrückt sind. Aber ich muß irgend eine Manier finden, auch so Ordnung zu schaffen.
Inzwischen hat ein von Norden kommendes Gewitter etwas Frische gebracht. Aber es war nichts Durchgreifendes. Schlechtes Klavierspiel von verschiedenen Seiten läßt keine sonntägliche Stille aufkommen. – Wie werdet ihr den Sonntag verlebt haben?
Von Herzen wünsche ich, daß der 27. Dir recht viele wahrhaft erfreuende Zeichen der Liebe und Verehrung bringen möchte. Und laß Dich nicht von der Verpflichtung der Danksagung bedrücken, es ist ja im Grunde ein Dank, der zu Dir zurück kommt.
Und so ist es auch bei mir; ich bin von Dank erfüllt, daß Du bist, und daß wir
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| nun schon bald fünfzig Jahre gemeinsam leben konnten. Ist es nun richtig, das Dokument einer solch reinen, auf höheres Leben gerichteten Gemeinsamkeit zu vernichten? Ist es nicht in dieser verworrenen Zeit etwas einzigartig Schönes?
Ich wäre glücklich, wenn ich noch die Möglichkeit fände, in Deinem Sinne, die Briefe zu sichten. Aber ist denn eigentlich irgend etwas darin, was sich verbergen müßte?
Es wäre schön, wenn wir einmal über alle dies sprechen könnten.
Jetzt aber will ich diesen Brief zur Post bringen, damit er gleich morgen früh fortgeht. So wird er rechtzeitig eintreffen. Und ein sehr bescheidenes Angebinde wird morgen noch abgehen.
Immer aber gehen die innigsten Wünsche und Grüße zu Dir von
Deiner
Käthe.