Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. Juli 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Juli 1950
Mein liebes Herz!
Der Sonntag ist immer für den Brief an Dich bestimmt, aber es sieht nicht aus, als ob viel daraus werden soll, denn es sind 22°R im Schatten, und meine Augen sind recht schmerzhaft. Ich bin recht zufrieden, daß "Europa im qm" nun bald fertig ist. Es hat sich aber doch bisher ohne ernste Schwierigkeit entwickelt. Von eigentlichem Interesse war es aber für mich nicht; vielleicht locke ich dem betreffenden Assistenten noch etwas über die fachliche Bedeutung ab. Für mich ist es nur eine technisch ungewohnte, grobe und doch mühselige Sache, bei der man durch eine Unvorsichtigkeit das Ganze gefährden kann und es dann noch einmal machen müßte.
– Da wurde ich schon gleich unterbrochen, denn Dr. Drechsler kam mit seiner netten
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| Frau und allen drei Kindern. Besonders der Jüngste, fast einjährig, ist ein goldiges Kind. Sie blieben nur kurz in meinem Zimmer, reisen auch nachher schon wieder nach Karlsruhe. Er erzählte mir, daß er Dich vor Deinem Vortrag neulich noch gesprochen hat, und daß Ihr irgendwo im Freien zusammen wart. Hoffentlich hatte der Regen Dich nicht vorher ungeschützt getroffen, sodaß Du es ohne Schaden überstanden hast.
Ich denke oft an den großen Schmerz der Familie Wais. Gerade als Du mir davon schriebst, hatte ich in unsrer Zeitung von den ungewöhnlich vielen Todesfällen beim Baden im Neckar gelesen, nicht nur in Heidelberg. Bei uns sind die Ufer bis gegen den Kümmelbacher hin bunt bevölkert, und da ist doch nicht überall gleich eine Hülfe bereit. Aber allenthalben wirkt sich die Hitze aus, nicht immer angenehm [über der Zeile] zu sehen fürs ästhetische Empfinden! Umso mehr sorgen die Beleuchtungen dafür: das Schloß, die Brücke,
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| die Burgen, abwechselnd. – circensem – Und gleichzeitig ist in Korea Krieg! und in der Nähe so viel Sorge und Leid.
Zur Vollständigkeit der Patienten im Kreis meiner Freunde ist jetzt auch Rösel Hecht wie mir scheint, ernstlich krank. Es nennt sich Gelbsucht, sie hält es aber für eine seit langem in ihr steckende Infektion. Sobald sie dazu imstande ist, soll sie durchleuchtet werden. Ich werde mich künftig aber nur an der Tür erkundigen, denn es gibt einen ansteckenden Icterus. —
So sieht es draußen aus! Aber davon will ich ja eigentlich garnicht schreiben, sondern ich möchte Dir danken für zwei liebe Karten und für die Übersendung des wunderschönen Artikels von Oelrich. Den Mann möchte ich wohl einmal kennen lernen! Der Aufsatz ist so gehaltreich, daß ich ihn immer wieder lese, um ihn in allen Einzelheiten zu verstehen. Darum verzeih, wenn ich ihn noch eine Woche behalte, und nicht wie es meine Absicht war, heute schon zurückschicke.
Als ich Deine Gedenkrede für Stadelmann las,
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| dachte ich bei mir, ob es denn keinen Menschen gäbe, der mit so feinsinnigem Verständnis von Dir sprechen könnte! Und siehe da, schon ist endlich einmal ein solcher da. Wie schön ist diese echte warmherzige Würdigung. Und vor welch bedeutenden Hintergrund ist sie gestellt.
Wohin wirst Du nun zunächst Deine Tätigkeit richten; auf die unmittelbare Wirkung der Lehre von Mensch zu Mensch; oder [über der Zeile] wie unmittelbar darüber in dem Heft gedruckt ist: die Forderung Plato's "das Gewonnene bekannt werden zu lassen" in schriftlichem Bekenntnis für weitere Kreise? Oder beides? Dann ist es nur mein dringendes Anliegen, daß Du Dir genügende Freiheit sicherst für das stille Gelehrtentum! Wirst Du das können? Wirst Du ja dazu ein bißchen Dickfelligkeit erringen? –  –  –  –  –
Trudel und Rudolf Nitsche sind zu einem Fest der katholischen Unitas. Da ist es ganz still im Haus. Ich aber will rasch noch diesen Sonntagsgruß in den Kasten bringen und dann gründlich schlafen. Sei innig gegrüßt und schreibe bald einmal wieder
Deiner Käthe.