Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. August 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6. August 1950.
Mein liebes Herz!
Wie bist Du, wann bist Du nach Haus gekommen? Hat Dein Fahrplan-projekt gut funktioniert? Ich hoffe es dringend, denn der Aufenthalt hier war ja nur unnötige Strapaze, so ganz anders als ich es geplant hatte! All meine Vorschläge fanden Deinen Beifall nicht, und meine Absicht, Deine Bedingungen zu erfüllen, schlug gänzlich fehl. Schreibe mir doch, bitte, bald mal eine Karte, wie Du die Mühsal hier und die vorher überstanden hast? Aber danken möchte ich Dir doch noch einmal, daß Du kamst, wenn es auch leider für Dich mehr Opfer als Freude war. Von allem, was ich so gern besprochen hätte, ist natürlich nicht die Rede gewesen, aber es ist doch einiges im Fluge berührt, und beschäftigt jetzt meine Gedanken – besonders
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| was Du von Deinen Eindrücken in Bonn sagtest. Ich glaube, daß solche Schwankungen im Gefühl der eignen Wirkung nichts Definitives sind, sondern sich mit der Wellenbewegung des Lebens wiederholen. Das hängt viel mit der jeweiligen Konstellation zusammen, ob sie Gelegenheit gab, sich voll einzusetzen, ob man in Stimmung war u.s.w. Es gibt da Höhepunkte und Zeiten der Enttäuschung, aber an dem bleibenden Wert ändert das nichts. Jedenfalls soll man sich nicht davon verstimmen lassen, das lähmt das berechtigte Selbstgefühl.
Deine Frage nach meinem Verkehr mit Kohlers hat mich auf ähnliche Gedanken gebracht. Schließlich ist es wohl das Richtige, aus jeder Situation das mögliche herauszuholen.
Heut habe ich einen ganz stillen Sonntag gehabt. Zu meiner Überraschung kam eine ganz nett erscheinende Frau in mittlerem
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| Alter, und bot sich für den Monatsdienst an. Sie ist Witwe, Schwester meiner Zeitungsfrau und so wollen wir es mit einander versuchen. Jedenfalls wird es für mich weniger teuer sein, als mit meiner guten Frau Moser. Aber ich werde sie vermissen.
Betrüblich war es für mich bei meiner Rückkehr nach Deiner Abreise den gedeckten Tisch in meinem Zimmer vorzufinden. Wieviel gemütlicher ist immer für mich eine Unterhaltung in den eignen vier Pfählen. Und für Dich wäre es so viel billiger! Du überlegst Dir jeden Groschen, den Du für Dich ersparen könntest und bei solcher Gelegenheit gibst Du so viel aus. Das Essen hier war fix und fertig in der Kochkiste und bei der Fahrt von 10 Minuten hier heraus wärst Du doch nicht gleich verhungert. Ich fürchte immer, Du hast eine förmliche Abneigung gegen mein armes Zimmer. Ich bin nicht geizig, aber das unnötig ausgegebene Geld kränkt mich. Und das selbstgekochte
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| Essen war sehr gut, heute für mich und morgen kommt noch die Näherin dazu. Also, wie Kurt zu sagen liebte: "gut und reichlich, und nicht zu fett!" Jedenfalls hätte sich alles geruhsamer für Dich gestaltet, und das ist zu meinem Schmerz gerade zum Gegenteil ausgefallen.
Fragen wollte ich noch, ob Du Dich erinnerst, was ich in unsrer Zeitung nachsehen sollte? Es wäre etwa am 28.VII. darin gestanden, aber ich kann mich nicht besinnen, was? Verzeih mir mein schlechtes Gedächtnis.
Und nun laß Dich von ganzem Herzen grüßen, und laß es Dir möglichst gu gehen. Könnte ich Dir doch von meiner zunehmenden Ruhe abgeben! Etwas labil bin ich freilich auch immer noch, und der steinige Weg am Sonnabend ist sogar meinen guten Schuhen weniger schlecht bekommen als meiner Seele!
Also – trotz allen Mängeln voll treuer Liebe
Deine
Käthe.