Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. August 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20. August 1950
Mein lieber Lenzkircher!
Wo froh bin ich jeden Tag über das andauernd gute Wetter im Gedanken an Euch! Da wird es weiter nichts schaden, daß das Zimmer nicht sonderlich einladend ist, und Du wirst den bequemen Schreibtischplatz nicht vermissen. Ich hoffe also, daß diesmal eine richtige, solide Erholung und Ruhezeit zustande kommt. Über Deinen lieben Brief habe ich mich sehr gefreut und danke Dir herzlich dafür. – Meine Erinnerung an Lenzkirch ist auf allerlei Einzelheiten beschränkt, die Gesamtsituation kann ich mir nicht mehr recht vorstellen. Von einem Krankenhaus weiß ich nichts, nur die Lage vom Hirsch, die Richtung auf Saig, gegen Kappel und gegen das Gutach-Wutachtal ist mir bewußt. Nicht mal die Kirche kann ich mir vorstellen. Ich habe damals überhaupt die Karte nur wenig zu sehen bekommen, denn ich hatte ja nicht die Führung!!, und ich kann mich ohne Karte schlecht orientieren.
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Vorhin hat mich Herr Dr. Drechsler mal wieder besucht, und er hatte diesmal mehr Glück, denn beim letztenmal kam er [über der Zeile] mir ebenso überflüssig, wie Dir (vor dem Vortrag). Er erzählte hübsch von einer kleinen Reise per Rad, auf der er auch in Jagsthausen in Götzens Burg eine schöne Freilichtaufführung erlebte. Wir sprachen auch von unsrer gemeinsamen Bekannten in Ziegelhausen, die er genau so beurteilt, wie ich. Er hält die Situation dort für katastrophal. Niemand kann da einen hilfreichen Rat geben. –
Der Besuch von Käte Silber war in jeder Weise erfreulich und alles klappte gut, sodaß sie anscheinend sehr befriedigt abreiste. Das Wetter hatte aber auch das Möglichste getan. Am Dienstag hat sich nun Bertha von Anrooy angesagt, was mich auch freut. Möge es mit ihr ebenso glücken.
Frau Héraucourt ist vorige Woche von Samstag bis Mittwoch (durch Feiertagsbillet) in Reutlingen
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| gewesen und konnte Hanne erfolgreich zureden, noch weiter dort zu bleiben. Die Behandlung der Schilddrüse mit dem neuen Mittel ist lokal erfolgreich, hat aber starke Gelenkschmerzen ausgelöst, die aber vergehen. Ich weiß nicht, ob es ein Heilungsprozeß ist? Jedenfalls hofft Dr. Recknagel dadurch die Kopfoperation unnötig zu machen. – Bei meinem Besuch neulich bei Paula Seitz erzählte sie mir, daß die Tochter einer Freundin infolge einer Halsentzündung ganz versteifte, entzündete Gelenke bekam, und jetzt ganz verkrümmt dauernd bettlägerig sei. Paula sucht für deren Pflegerin ein billiges Unterkommen, deshalb sprach sie mir davon. Das ist also ein gleicher Fall, nur hat man da die Hoffnung auf Heilung schon aufgegeben. Die Kranke ist die Tochter eines Chirurgen für den ich vor Jahren auch mal zeichnete.
So gehen die Gedanken überall zu Patienten! Auch meine gute Frau Moser habe ich besucht, und zwar in einer neuen Wohnung. Sie ist noch sehr krank gewesen, aber das Kind ist nicht zum Leben gekommen. Jetzt war sie
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| wieder auf den Beinen, aber noch recht angegriffen. Die Wohnung bei Frau Frobenius hat sie Hals über Kopf aufgegeben, und haust nun mit einer Verwandten recht enge, aber mit Aussicht auf Verbesserung am 1. September. Ich denke mir, sie fühlte sich in der bisherigen Umgebung nicht mehr wohl. Wollte ich ein hartes Beispiel benutzen, so könnte man wohl sagen: die Ratten verlassen das Schiff.
Jetzt aber will ich noch rasch diese dürftigen Zeilen zur Post bringen, damit Du wenigstens bald mal einen Gruß bekommst. Die ganze Woche war ich nicht schreibefähig, teils recht müde, teils mit Arbeit beschäftigt. Nötige Näherei nimmt viel Zeit und dann habe ich auch Obst eingekocht. –
Es ist fein, daß auch Susanne die Gegend gefällt und ich wünsche ihr weiter erfreuliche Eindrücke. Ich grüße Euch beide herzlich und hoffe, daß Ihr so lange wie irgend möglich dort bleibt. In treuer Erinnerung an all die bekannten lieben Stätten von dazumal gedenkt Deiner in steter Liebe
Deine Käthe.