Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. September 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. Sept. 1950.
Mein liebes Herz!
Es überraschte mich, daß Dein lieber Gruß vom 31.8. wieder aus Tübingen kam. Ich hatte gedacht, daß das unüberwindliche gute Wetter Euch noch in Lenzkirch festhalten würde. Aber alles hat eben mal ein Ende und ich empfand es ja so lebhaft mit, wie gut diesmal alles geraten war und daß diese Ferien eine wirkliche Erholung und wohltuende Entspannung brachten. Das wird nun hoffentlich gut durch den Winter halten.
Ich hatte auch eine Art Unterbrechung des gewohnten Lebens durch die auswärtigen Besuche, aber es war nicht eigentlich eine Erholung, obgleich es ja immer angenehm ist, mal nicht in die tägliche Arbeit eingespannt zu sein. Auch bei uns war vielfach eine sehr drückende Schwüle und außerdem stimmten auch unsre Wünsche und Bedürfnisse nicht
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| immer zusammen. Aber im Ganzen hoffe ich doch, daß Bertha auf ihre Rechnung kam. Es ist doch ein kühnes Unternehmen gewesen, daß sie so kurz entschlossen diese Reise wagte.
Mir war es recht anstrengend, daß sie immer [über der Zeile] abends bis 10½ bei mir blieb, und die Übermüdung machte sich allmälig fühlbar, da wir doch nicht so viel gemeinsame Interessen haben, und daher der Austausch nicht sehr lebhaft ist. Aber in den Grundzügen verstehen wir uns noch immer und sie ist eine treue, pro deutsche Seele. Sie nächtigte bis zum 29.8. in der Rose, und seitdem als Gast von Landfried-Heilmanns im Schiff. Von da an drohte sie aber, mich hie und da noch zu besuchen und Du weißt ja, wie unangenehm solch unbestimmte Ankündigungen sind. – Unbequem war auch die gleichzeitige Beanspruchung durch die Zeichnung für Dr. Beck. Ich merke recht, wie schwerfällig ich bin, und wie ich schlecht Unerwartetes vereinen kann. Der erste Versuch schien mir ganz aussichtslos, aber als ich die
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| Arbeit hinbrachte, sagte der Dr. "das ist ganz, wie ich es mir gedacht habe" – also konnte ich zufrieden sein, obgleich ich selbst noch allerlei zu verbessern gewußt hätte. –
Wir haben in der Woche von Berthas Hiersein (bis auf einmal) auswärts gegessen, und fanden es in der Rose am schlechtesten, und bei Denner am besten. Und an einem Abend waren wir zu meiner besonderen Freude auch in Kleingemünd im Schwan, das war wohl ein Höhepunkt. – In der Rose scheint jetzt die alte Frau wieder die Zügel in der Hand zu haben, eine gewandte Kellnerin macht die Bedienung, der Sohn besorgt den Ausschank und die brummige Gattin sieht man nur von fern. Die Preise mit 3,50 M und 1,50 sind überall die billigsten. Bei Denner habe ich noch nicht nachgefragt. Da wäre vielleicht ein Zimmer nach rückwärts nicht allzu geräuschvoll. –
Gunhild Buttmi ist seit einer Woche nun von Amerika zurück und hat offen
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|bar dort sehr schwer Abschied genommen. Auch ihr Medizinstudium ist ins Wanken gekommen und sie denkt ihre Sprachkenntnisse zur höheren Dolmetscherausbildung zu verwerten. Vermutlich ist da ja auch die Berufsaussicht größer.
Auch Frau Héraucourt sah ich wieder, die ja die Tochter in Tübingen besuchte und ihr zugeredet hat, noch länger dort zu bleiben. Ich muß bei ihr oft an das denken, was Du von der verheirateten Tochter sagtest, die Du bei der Patientin antraffst. Diese Menschen sind so in ihrem Lebenskreis befangen, daß sie meinen, jeder müßte darin auch genau Bescheid wissen. Sie sind ganz wörtlich "beschränkt", aber nicht dumm.
Du fragst so teilnehmend nach meinen Fingern; das hat sich aber schnell heilen lassen. Es fing an damit, daß ich mir den Zeige- und Mittelfinger um den Knöchel herum mit Dampf verbrühte. Da immer alles glatt heilt,
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| beachtete ich es nicht weiter, bis es immer von neuem blasenartig und schmerzhaft anschwoll. Auch breitete sich leichter Ausschlag von dort weiter aus, sodaß es mir verdächtig wurde. Frl. Dr. hielt dafür, daß eine Pilzinfektion dazu gekommen wäre und verschrieb mir ein Mittel zum Einpinseln. Das hat auch sofort die Entzündung gedämpft und ich [über der Zeile] kann dies Phebrocon-Serol nur empfehlen. Gleichzeitig hatte ich mich tagelang mit beginnenden Ischias-schmerzen geplagt, wohl infolge davon, daß ich über eine Stunde auf dem zugigen Bahnhof auf einer sehr unbequemen Bank die Ankunft von Bertha erwarten mußte. Auch da war es gut, möglichst bald ein Mittel dagegen anzuwenden und die gelonida antineuralgica halfen prompt. –  – Das hat auch etwas meine Freude an den Besuchstagen gestört. Dagegen war der Tag mit Fräulein Silber ganz unbeschwert.
Jetzt nun könnte es behaglich im stillen
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| Alltag zugehen, wenn ich nicht einmal wieder gestolpert und recht kräftig hingefallen wäre. Es ist doch am Eichendorffplatz ein ganz miserables Pflaster und wenn ich müde bin, hebe ich die Füße nicht genug. Auch trage ich gern recht große Schuhe und damit stößt man leichter an. So bin ich nun von neuem lahm wie ein armer geschundener Raubritter. Das macht mich recht faul und unlustig zu jeder Tätigkeit. Selbst zum Schreiben!
Aber nun mußte ich Dir doch meine Mißgeschicke klagen und Du wirst die Jeremiade reichlich lang finden. Aber glaube nicht, daß ich wehleidig bin; ich will nur möglichst rasch die Mißstände überwinden. – Recht kalt fand ich es schon heute morgen. Aber tagsüber wurde es gleich wieder schwül. Das hilft den Nerven nicht auf.
Mit Freude bekam ich endlich auf Bestellung die Deutsche Zeitung vom 26. August. Es ist kein verheißungsvolles Bild, das Du von der Entwicklung des Hochschulwesens zeichnest,
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| und man ist bedrückt, weil man die Zwangsläufigkeit des Geschehens einsieht. Es muß doch einen Weg geben, den Wert der überlieferten Form zu erhalten, der Not zum Trotz, die jetzt zwingt vom Kapital zu leben. Ist die "Einheit des Wissens" wirklich zerstört durch das Spezialistentum, beruht sie nicht vielmehr auf der Kraft der Persönlichkeit – auf der Magie der Seele? Daß diese Einheit in der Universität wach bleibe, das ist wohl wichtiger als alle Organisationen. Sonst bleiben wir bei dem Dualismus: Glauben und Wissen; und die Kirche macht ihre Allmacht geltend. –  –
Auch den Brief von Johanna Richter las ich mit freundschaftlichem Interesse und werde ihn in den nächsten Tagen mit allerlei rückständigen Kleinigkeiten zusammen schicken. Heute will ich nur diese dürftigen Zeilen absenden, weil sie ohnehin schon verspätet sind. – Sage Susanne recht herzliche Grüße. Hat sie gute Erholung mit heimgebracht?
In stetem Gedanken grüßt dich innig
Deine
Käthe.