Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17. September 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 17. Sept. 1950
Mein liebes Herz!
Du hast alles Recht, mit mir unzufrieden zu sein, denn es war bei mir eine lange, gequälte Zeit des Versagens, innen und außen. Aber jetzt scheint mir das Barometer zu steigen und da ist es natürlich das Erste, daß bei Dir, Du Lieber, mein Bemühen einsetzt, wieder gut zu machen, was ich versäumte. – Ich hoffe dringend, daß bei Dir mein minus sich in erfreuliches plus umsetzte, da ja doch gewöhnlich eine stille Beziehung im Unterbewußtsein unsres Erlebens zu bestehen pflegt. Das wäre mir eine rechte Freude und Entschädigung.
Womit ich eigentlich den Zustand entschuldigen oder erklären soll, weiß ich nicht recht, denn eine richtige Erkrankung lag nicht vor. Es war in der Hauptsache eine Art Erschöpfung
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| die mir alles Vorhaben verfehlt erscheinen ließ. Das Zusammensein mit Kate Silber war noch ungetrübt, aber der nachfolgende Besuch ließ mich recht unbefriedigt, und ich hatte doch den besten Willen dabei; trotzdem wurde ich zunehmend ungeduldig und unzufrieden. Es kam dazu, daß ich etwas von Neuralgie geplagt war, was vermutlich bei größerer Ruhe schneller vergangen wäre. So war ich recht zufrieden, als ich wieder allein zu sein hoffte, und da verlängerte die gute Seele mit unbestimmten Verheißungen weiterer Besuche [über der Zeile] den Druck auf meine schlecht beherrschte Geduld. Das war garnicht liebenswürdig von mir und bedrückte mein Gewissen, und da kam dann noch der Sturz dazu! Ich wollte ihn erst ignorieren, aber er war doch nachhaltiger als die früheren und die ewigen Gewitter hatten mich ziemlich mitgenommen. So habe ich mich wochenlang damit geplagt und hatte weder
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| Lust noch Kraft zu irgend etwas. Es war ein Zustand, wie ich ihn auch früher kannte, zur Zeit unsrer ersten Bekanntschaft! wenn ich in der Rohrbacherstraße auf dem Sopha lag und mir sagte: wenn ich wüßte, daß jetzt die Decke einfällt, ich stände nicht auf! Um allerlei selbstquälerischen Gedanken zu entgehen, war ich froh, wenn ich mit Bekannten zusammen traf. Und war ich allein las ich viel – um abgelenkt zu sein. Denn es war in mir garkeine Initiative.
Dein Aufsatz in der Deutschen Zeitung bewegte mich, ohne daß ich meine Eindrücke klären konnte. Denn es ist darin eine Spannung, die über die Gegenwart hinausweist. Allerlei zusammenhangslose Gedanken gehen mir dabei durch den Kopf und ich wäre froh, wenn ich sie an Deiner Kritik klären könnte. Als konservative Natur hänge ich am "guten Alten", und war lange der Meinung, daß die katastrophale Gegenwart etwas sei, was ausgehalten werden müsse, um dann wieder anknüpfen zu können, wo die Entwicklung
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| abriß. Aber immer mehr wurde mir bewußt, daß es grundlegende Umwälzungen sind, mit denen wir uns abfinden und einrichten müssen, und ich verstehe Deinen Pessimismus. Aber wir haben ja doch den stillen Glauben an die gute deutsche Art, die nicht in Spezialistentum und Verflachung stecken bleiben wird. Es ist ein Weckruf, was Du in Deinem Aufsatz forderst. Wird es an dieser Stelle auch von den entsprechenden Menschen gelesen werden? –
Daß die "Einheit des Wissens" nicht mehr bestehe ist etwas, womit ich mich nicht abfinden kann! Und es ist doch ganz fühlbar, daß die Forderung nach Wert allenthalben lebendig wird und den ertötenden Verstand zurückdrängt. – Aber die Universität ist überflutet und hat aufgehört Eliteschule zu sein –  – und doch hast Du selbst wiederholt gesagt, daß Du die besten Eindrücke vom Geist der Studenten hättest. Und das zeigt doch, daß auch für den vertieften Sinn der Lehre, wie Du sie vermittelst, noch verständnisvolle Aufnahmebereitschaft da ist – – nicht nur pflichtmäßiges Tatsachenstudium.
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Die große Frage scheint mir nicht in einer Umwandlung der Hochschule zu bestehen, sondern im lebendigen Ethos, das sie beseelt. Nicht "wissensmäßig", sondern religiös soll die Einheit sein, das ist nicht begrenzt christlich, aber allgemein menschlich. –
Veranlaßt durch das Wiedersehen mit K. S. hatte ich ihr schönes Buch über Frau Pestalozzi wieder gelesen und anschließend "Lienhard und Gertrud." Ich kann Dir nicht sagen, welch tiefe Wirkung das jetzt auf mich machte. Denn ich war ja so völlig weltfern, als ich den Roman kennen lernte und hatte noch garkein Verständnis für die Echtheit der Menschen. Jetzt hat es mich tief ergriffen im Hinblick auf die Verworrenheit der Gegenwart, für die man so heiß ein Mittel der Gesundung ersehnt.
Du wirkst dafür in Deinem Reich und gibst die zündende Flamme weiter; so wird es noch manchen Erwecker geben, der dem kommenden Deutschland dient.
Mit großem Interesse las ich heut in unsrer
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| Zeitung einen guten Bericht über das Buch von Alfred Weber: Kulturgeschichte als "Kultursoziologie." Da sind Gedanken, die sich sehr nahe mit Deinem Aufsatz verbinden. Es scheint eine Gesamtsicht von großer Weite, ein Rückblick, ob auch ein Ausblick geht nicht aus dem Artikel hervor.
–  – Ich weiß nicht, wie oft ich Dir schon die Sendung einiger Dinge versprochen habe, die schon lange dazu bereit liegen. Jetzt soll es aber wirklich bald geschehen, denn ich fange an, zum täglichen Dasein wieder aufzuwachen. Ich bin so dankbar, wieder schmerzfrei mich bewegen und atmen zu können. –  – Es war mir von Frau Héraucourt angeboten werden, mit ihr für eine Woche in die Pfalz zu gehen; und die Aussicht mal nicht für das tägliche Einerlei sorgen zu müssen, hätte ja manches Verlockende gehabt. Aber es war gerade nach dem verfehlten freundschaftlichen Besuch und da hatte ich nicht den Mut. – In ähnlichem Gedankenzusammenhang steht, daß ich mich nun mal bei einer Bewohnerin des evangelischen Altersheims nach ihren Eindrücken
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| erkundigte. Es kommt so manchmal das Gefühl über mich, daß es hohe Zeit wäre meine Lebensweise zweckmäßiger zu ordnen. Ich trage noch allzu viel Ballast von früher mit mir herum und versäume darüber Wichtiges. In der Zeitung mit dem Artikel über Alfred Weber steht eine kleine Erzählung, die mir eine Warnung zu sein scheint. Sie heißt "Die Schatzhüterinnen" und ich möchte nicht diesem Schicksal verfallen. Aber wie soll ich das tun?! –
Was nun das Unterkommen in dem Heim betrifft, so meinte Frl. Schnell, die dort seit etwa einem Jahr wohnt, man könne für 130 M in einem kleineren Zimmer unterkommen. Das Essen sei gut und zwar kommt es für jeden aufs Zimmer, was mir sehr angenehm wäre; denn die Massenversammlung der Unzufriedenen bei Tisch im Landfriedstift war schrecklich. Dort soll man recht friedlich auskommen. Aber der Preis schreckt mich [über der Zeile] vorläufig? ab, nähere Auskunft bei der betreffenden Stelle dafür zu suchen. Vorläufig lebe ich noch billiger in meiner
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| Selbständigkeit und behalte eine Reserve für Anschaffungen. Aber ich fühle die Pflicht, der Sache näher zu treten, vor allem weil ich um den gesicherten Verbleib dessen sorge, was mein gehüteter Besitz ist – Deine Briefe und alles was sonst Dir zugehört. Da muß eine zweckmäßige Ordnung geschaffen werden, solange ich lebe, sodaß ich innere Ruhe habe.
Aber nun verzeih, daß ich immerfort so ratlos von mir selbst rede. Ich bin ja nicht krank, nur lamentabel. Frl. Dr. hat festgestellt, daß nichts gebrochen ist, nur geprellt und daß Puls und Blutdruck normal sind. Sie hat mir ein Kytta-Symphytum-Extract gegeben, von dem ich täglich 30 Tropfen nehme, und außerdem Dextropur verordnet. Das letztere hat mir früher schon gut getan, beim andern denke ich: badt's nichts, so schad' es nichts. – Ich möchte nur gern endlich wieder einen Gruß abschicken, drum höre ich für heute auf. Wann sollte Comburg stattfinden und wann die Schweiz? Das ist mir viel wichtiger als die Meldung von Vetter Walter, daß er Ende Sept. oder Anfang Okt. für ein paar Tage herkommt. –  –  – Ich denke oft und gern an Deine Eindrücke in Rottweil und grüße Dich mit treuen Wünschen.
Deine Käthe.