Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22./23. September 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 22.9.1950
Mein liebes Herz!
Damit das Päckchen einen Begleitzettel bekommt, will ich heut immer anfangen ein paar Zeilen zu schreiben. Es kommt nun also endlich die Schrift, die von Matussek bei mir zurückblieb. Und dann möchte ich, daß Du es mal mit diesem Messer versuchst. Bei mir ist es scharf, aber ich benutze es in der Küche, und es schien mir nicht gut genug für Euren Tisch. Es stammt von meinen Eltern und ist das letzte Überbleibsel von einem Dutzend. Das Schmirgelpapier dient zum Blankhalten und dadurch auch schärfen. Die Cigarren hatten Dich bei Deinem letzten Besuch hier begrüßen sollen. Aber da ging ja leider alles verkehrt. Von der Schokolade gibst Du vielleicht Susanne was mit einem Gruß von mir ab!
Denke Dir, ich habe ein ganzes Kästchen Cailler-Schokolade von Prof. Zollinger geschickt
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| bekommen. Das ist mir doch peinlich, denn ich habe ja garnichts für den Sohn getan!
Die Geburtstagsnummer unsrer Rh.N.-Zeitung benutze ich als Umschlag. Vielleicht amüsiert Dich die Wichtigkeit, die diesem Bestehen von fünf Jahren beigelegt wird. Und auch in die Schrift von Rothacker legte ich allerlei Vergnügliches. Wie findest Du den Artikel von Hellpach?!
Aber nun zu Wichtigerem, vor allem zu Deinem lieben Brief. –

23.9. Da mußte ich mich gestern fertig machen für das abendliche Freitags-Lesestündchen. Wir waren dann zu viert, Frau Buttmi, Frl. Ingold und Gunhild, die von ihrem Amerikaaufenthalt Heimgekehrte. Gelesen wird jetzt auf Wunsch: von Gertrud Bäumer, "Der mittelalterliche Mensch." Vielleicht ist für mich dabei etwas zu lernen, was sich auf Deine Andeutung in Maulbronn bezieht über die neue Auffassung des Mittelalters in Hinsicht auf die Politik.
Daß ich der Aufforderung von Frau H. in
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| die Pfalz nicht folgte, ist recht gut. Denn sie selbst ist rascher als beabsichtigt wieder hergekommen.
Du hast mit allem, was Du über meine etwas verworrene Stimmung schreibst, vollkommen recht; und Dein verständnisvolles Eingehen tut mir sehr wohl. Es ist so, wie Du schreibst, es läßt sich ein großer Teil der angewachsenen Mißstände auch ohne solch radikale Lösung herstellen. Ich bin auch selbst garnicht geneigt zu einem raschen Entschluß und werde Deine guten Ratschläge für eine Verbesserung des gegenwärtigen Zustandes nach Möglichkeit befolgen. Aber trotzdem noch Erkundigungen über die andern Möglichkeiten einziehen.
Wesentlich anders aber erscheint mir die Welt, seit es mir körperlich überraschend viel besser geht. Ich habe wieder Lust zur Arbeit und die nervöse Depression ist vorbei. Ob dazu nun die ärztliche Verordnung oder das angenehmere Klima geholfen hat, kann ich nicht sagen. Vorläufig ist die Abkühlung nur angenehm.
Ich bin voll Bewunderung über die Mengen
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| an Lektüre, die Du bewältigen kannst. Es liegt natürlich viel an der zweckmäßigen Art des Lesens. Aber es ist doch kolossal, was Du da schaffst.
Ob ich von Lienhard und Gertrud den richtigen Abdruck erwischte, weiß ich nicht. Es ist die Reclamausgabe für 80 <altes Pfennigzeichen> No 434–37, mit Vorrede des Verfassers von 1781 und schließt mit der Lebensbeschreibung des Vogts. – Ich besitze auch noch: Wie Gertrud ihre Kinder lehrt (No 991–992a) – aber da kann ich mich noch nicht gut einlesen. Es fehlen mir zu viele reale Vorstellungen.
Hoffentlich hast Du morgen für die Comburg kein unfreundliches Wetter. Wie ist das nun eigentlich mit den Staatsprüfungen, ist da die Einteilung nach Deinem Wunsch geändert?
Ich habe den verderblichen Wunsch, mich morgen für die Vereinigung Badens mit Württemberg bei der Wahl auszusprechen. Haben wir denn nicht lange genug an der Kleinstaaterei gelitten und sollten nicht jetzt möglichst Zusammenschluß anstreben? (Da ist durchaus kein persönlicher Hintergedanke dabei!) In herzlicher Dankbarkeit und treuer Liebe grüße ich Dich, Du lieber Württemberger,
Deine
Käthe.