Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. September 1950 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 30.9.50
Mein liebes Herz!
Ich will versuchen, ob ich Dich noch vor der Abreise in die Schweiz erreiche. Du wirst Dir denken, wie schmerzlich mir am Freitag Dein Ausbleiben war, und ganz besonders der Grund, der es veranlaßte. Es ist ja eigentlich etwas symbolisch, daß Du in diesem Zusammenhang etwas verschnupft warst, aber es war doch hart, daß ich die Folgen tragen mußte. Ich hatte hier alles so festlich vorbereitet und wußte ja gewiß, daß Du, wenn irgend möglich, kommen würdest, so gehetzt Du auch durch die vielseitigen Ansprüche warst. Die Ansteckung hätte ich nicht gefürchtet, denn hier im Hause ist seit Wochen ein beständiges Schnauben und Husten, das noch immer ohne meine Mithilfe vor sich geht. Und ich habe
[2]
| keine Erinnerung, daß ich je einen Katarrh von Dir geerbt hätte. Aber ich verstehe, daß Du in dem Zustand möglichst rasch nach Hause flüchtetest, wo lauter Besuche auf Dich rechneten. Wenn Du nur vor diesen Verpflichtungen die Möglichkeit fandest, Dir etwas Pflege und Ruhe zu gönnen! Das wünsche ich sehr herzlich. – Um ½ 12 Uhr kam das Telegramm und da faßte ich schnell den Entschluß, zu versuchen, ob ich Dich nicht wenigstens die wenigen Minuten des Aufenthaltes am Bahnhof sehen könnte, die nach Angabe der Auskunft zum Umsteigen blieben. Aber vermutlich bist Du entweder früher oder über Mannheim gefahren, denn auf Bahnsteig 1a, wo der Anschluß der Züge glatt von statten ging, habe ich Dich nicht gesehen. Freilich war auch der Stuttgarter Zug von endloser Länge.
Jetzt hoffe ich nur im Stillen auf eine Karte mit Nachricht über Dein Befinden,
[3]
| denn ich vermute, daß Dirs recht herzlich schlecht war. Auch die unangenehme Ungewißheit vorher fühle ich lebhaft mit. Es wäre so tröstlich gewesen, ein paar persönliche Worte austauschen zu können.
Bei mir ist es auch ungewöhnlich lebhaft zugegangen. Die Schwestern Mathy redeten mir dringend zu, den Film: die Nachtwache zu sehen, der so ungewöhnlich schön sei. Frau Franz lud mich deswegen zu Tisch ein, damit ich von dort leicht zum Kino beim Bachlenz käme. Ich glaube ja, daß für einen Film die Sache recht lobenswert ist, aber für mein Gefühl werden die religiösen Probleme darin garzu obenhin erledigt, eben mit Blitzgeschwindigkeit, wie die Bildaufnahmen. Gespielt wird, wie mir scheint, recht gut. Aber ich bin dieser Dinge so ungewohnt, daß mir vieles entgeht. – Heute nun kam Dr. Zollinger nach Anmeldung zum Kaffee und wir gingen danach auf den Bierhelder Hof, wo es guten süßen Most gab. Die Unterhaltung war ganz lebendig, wenn auch nicht so anregend wie
[4]
| mit den Matusseks. Gelegentlich sprach er sich für Thomas Mann aus, für den man hier so wenig Vorliebe habe. Den Film, den ich erwähnte, fand er kitschig. Das eigentliche Problem schien er nicht beachtet zu haben, nur die ebenfalls problematischen Liebesbeziehungen erregten sein Mißfallen, die aber nicht das Wesentliche waren.
Jetzt steht nun morgen die Ankunft von Walter bevor. Nach dem Wiedersehen mit Bertha sehe ich der Sache etwas mit Bedenken entgegen. Denn es ging zwischen uns von jeher nicht so ganz glatt. Ich will recht vorsichtig sein. –  – Gestern in Aussicht auf Dein Kommen hatte ich zum ersten mal geheizt. Heut sollte der Ofen noch ausgeschmiert werden, aber der Installateur hat sich den Fuß verknackt, so muß ich damit warten. Auch die Winterkohlen sind noch nicht da. Aber die neue Hülfe wird dabei bereitwillig mitholen. Ich bin im ganzem mit ihr zufrieden.
Jetzt aber bringe ich dies noch zur Post. <li. Rand> Wer weiß, ob Du Zeit und Sinn hast, es zu lesen. Auf alle Fälle aber, grüßt <Kopf> es Dich innig und wünscht Dir rasche Besserung.
Immer Deine Käthe.