Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. Oktober 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 15.Okt. 1950
Mein liebes Herz!
Für 2 liebe Briefe und 2 Karten habe ich Dir nun auf einmal zu danken, und es betrübt mich, daß Du eine baldigere Nachricht vermißt hast. Noch mehr aber, daß Dein Katarrh sich so verschlimmert hatte! All die guten Berichte über Deine Erlebnisse ließen mich hoffen, daß alles recht nach Wunsch verlaufen wäre. Was aber mich anbetrifft, so bitte ich Dich herzlich, Dir doch ja keine unnötigen Sorgen zu machen bei etwaigem Nichtschreiben. Wenns hapert, kommt bestimmt gleich ein Klagebrief, denn wem sollte ich sonst meine Kümmernisse klagen? Aber augenblicklich liegt dafür kein Grund vor, wenn ich auch nicht gerade sehr unternehmungslustig bin. Doch tröstete ich mich mit dem Gedanken, daß Du recht
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| erfreuliche Ferientage gehabt hattest, und nun wieder einen Riesenberg angesammelte Post fandest, der auch von mir einen Brief enthielt. – Es war doch wohl ein wenig leichtsinnig, daß Du mit dem Katarrh auf Reisen gingst. Aber die Luftveränderung tut ja auch manchmal gut. Ich hoffe nur, daß Du nun bei relativer Ruhe die Sache bald los wirst. Da noch keine Vorlesungen sind, brauchst Du vielleicht weniger zu sprechen. Daß Du bei den Schweizern etwas schwer verstanden wurdest, liegt wohl auch mit an einer gewissen Schwerfälligkeit dieser liebenswürdigen Menschen. Das empfinde ich auch hier bei dem Sohn, mit dem ich kürzlich noch einmal zusammen war, und auf dem Bierhelder Hof frischen Apfelmost trank.
Ich war überhaupt in der Zeit viel im Freien, erst mit Walter und dann noch mit (Frau Buttmi) Frl. Seidel auf dem Speyererhof, um Frau Héraucourt zu besuchen. Die Tochter
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| soll aber nicht wissen, daß ein ernster Anfall den Aufenthalt da oben veranlaßt hat. Es soll nur heißen: zur Kräftigung für den Winter. Die armen Frauen kommen aus einer Not in die andere!
Die Erzählung von Eurem Besuch auf der Reichenau hat mich recht sehnsüchtig gemacht. Es waren ohnehin gerade Tage, wo alles schief ging. Aber inzwischen ist nun auch hier Herbst geworden, und stimmt den Menschen gefaßter. Das Zusammensein mit Walter war ohne einen gefürchteten Zusammenstoß, weil ich bei seinem Aufbrausen schwieg. Aber damit ging mir die Unbefangenheit verloren und ich fürchte, er hat mich recht unzugänglich gefunden. Auf einem Spaziergang kam er auf sein Lieblingsthema: die Altersschwäche Goethe's, besonders im 2. Teil des Faust. Da brachte ihn meine Erwiderung, daß man suchen müsse, ihn zu verstehen, ganz aus dem Häuschen. – Er ist eben ein absoluter Kritiker, der auch eine Dichtung nur mit dem Verstand
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| und nicht mit Einfühlung aufnimmt. Dabei fielen mir bei andrer Gelegenheit wieder Äußerungen von Teilnahme und Mitgefühl auf für Mensch und Tier. Er hatte eine sehr inhaltreiche Reise gemacht nach Oberammergau und Oberbayrischen Klöstern, sowie nach Tutzing und Stuttgart zu den jeweiligen Verwandten Hadlich und Allolio. Ich fürchte, Heidelberg ist da keine Steigerung gewesen. – – Auch auf [über der zeile] über die Kasseler Gräberangelegenheit sprachen wir, die zu erledigen ich ihn gebeten hatte. Er hat aber garnichts dafür getan, und ist nicht mal mit der Sorge für die Grabstätte seiner Eltern zustande gekommen. – So habe ich einen etwas beklommenen Eindruck von dem Besuch zurückbehalten, und außerdem einen kräftigen Stirnhöhlenkatarrh. Denn Walter war sprühend mit Bazillen behaftet und hatte unterwegs sogar mal Schüttelfrost gehabt. – Ich habe den Anfall gleich mit Novalgin-Chinin
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| energisch bekämpft und so ziemlich wieder überwunden, sodaß ich hoffen kann, Ende der Woche Dich mit trocknem Taschentuch zu empfangen. – Es ist jetzt übrigens auch bei mir heute geheizt. Aber ich habe mich schwer dazu entschlossen. Erstlich wegen der Schmutzerei, und dann finde ich auch den beständigen Temperaturwechsel beim Hin- und Hergehen in die Küche unzuträglicher als die gleichmäßige Kühle, gegen die ich mich durch die Kleidung schützen kann. – Von den Kohlen sind vorläufig zwei Centner (d. h. Briketts) gekommen. Als Frau Moser noch bei mir war, wollten wir die Sache besorgen und durch ihre Erkrankung verzögerte es sich, bis die Lieferung stockte. Aber jetzt endlich ist wieder Vorrat da, sodaß man geschickt bekommt. Ich hatte übrigens noch einen Rest vom vorigen Jahr.
Die neue Hilfe ist recht ordentlich und ich komme gut mir ihr aus. Deine Ratschläge werde ich nach Möglichkeit befolgen und ich
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| sehe wieder ganz zuversichtlich in die Entwicklung der Dinge. Auch wegen des Altersheims werde ich weitere Erkundigung einziehen. Bisher war ich mal vergeblich da, aber für den Notfall ist es doch gut, Bescheid zu wissen. Ich denke, Dir dann davon zu berichten.
Wie sich Deine Reisepläne entwickeln werden, verfolge ich natürlich mit Spannung. Aber das möchte ich besonders betonen, daß [über der Zeile] Du Dir mit dem Abstecher hierher gesundheitlich nichts zumuten darfst. Nur wenn es keine Hetzerei für Dich gibt, ist es mir eine wirkliche Freude. Auch eine Absage wie neulich das Telegramm ist nur durch die Krankmeldung ein echter Kummer. Du hast ja aus meinem Brief vom 30. gesehen, daß ich die Lage nur in Deinem Sinn mitfühlte.
Was Du jetzt über die Regelung der beruflichen Situation schreibst, ist mir im Interesse der Württembergischen Verwaltung nur lieb. Ich würde sonst an den Ausspruch Friedrichs des Großen denken.
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Wie aber soll man verstehen, was Du von Nicolai Hartmann schreibst? Die Möglichkeit einer Deutung bewegt mich tief, die freilich in sinnvoller Konsequenz zu seiner ganzen Persönlichkeit stände. Es hat mir immer zu denken gegeben, daß Matussek sagte, Euer Standpunkt habe etwas Verwandtes, nur zöge er andere Folgerungen. Jetzt glaube ich zu verstehen, worin die Verschiedenheit besteht. Und ich bin dankbar, daß sie besteht. Aber ich beklage ihn. Aber vielleicht ging auch er seinen Weg mit innerer Ausgeglichenheit.
In unsrer Zeitung ist eine sehr gute Besprechung seiner Wirksamkeit. Überhaupt sind die Artikel von Emil Belzner meistens fein und anregend, auch wo man Einwände machen möchte. So fühlt sich meine Pietät bisweilen verletzt; aber vielleicht hat die Gegenwart von ihrem veränderten Standpunkt auch recht.
Aber nicht recht hat sie, wenn sie vergißt, auf welchen Bedingungen sie ihre Erfolge aufbaut. So die Heidelberger Schnellpressenfabrik, die bei ihrem Jubiläum den Erfinder der Schnellpressen
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| überhaupt nicht erwähnt, sondern von der Verbesserung redet, die von ihr angebracht wurde.
Aber um mich nun nicht gleich eines ähnlichen Versäumnis schuldig zu machen, will ich doch herzlichen Dank sagen für das "süße" Päckchen, mit dem mich Susanne erfreute. Persien ist aber keine wirksame Konkurrenz für die Schweiz!
Und was nun Deine Durchreise hier betrifft, so denke nur ja nicht, daß ich Deinen Schnupfen fürchte. Der ist nie so mitteilsam, wie es der von Walter war. Entscheidend ist nur, wie Du es auf gute Art einrichten kannst, herzukommen. Wenn Du Qu. M. beauftragst, wird man Dich sicher wieder in der Reichspost gut und standesgemäß unterbringen. Ich hätte es wahrscheinlich bei Denner versucht! Vorläufig hoffe ich also mal, daß es diesmal glückt! Sollte es Dir etwa lieber sein, wenn wir uns in Speyer treffen??
Doch nun für heut genug der Worte. Ich denke an Dich mit den innigsten Wünschen für Dein Wohlbefinden innerlich und äußerlich und grüße Dich und Susanne herzlich.
Deine
Käthe.