Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. Oktober 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29. Oktober 50
Mein liebes Herz!
Hast Du es schon je erlebt, daß am 27.X. dicker Schnee auf den belaubten Bäumen lag? Wie gut, daß das nicht ein paar Tage früher kam! So konnte doch unser Zusammensein ungestört verlaufen, und ich hoffe, Du denkst ebenso gern daran, wie ich. Es kommt mir freilich vor, als läge schon eine sehr lange Zeit dazwischen seit Deiner Abreise, die mir wie immer viel zu rasch kam. Aber ich hoffe, daß die kurzen, friedlich schönen Stunden Dich doch nach allen Anstrengungen ausgeruht und froh gestimmt haben. War Deine Fahrt programmgemäß?
Ich fuhr vom Bahnhof nach Neuenheim zu Hedwig Mathy und verabredete mit ihr ein Zusammensein für den Freitag. Und nachmittags suchte ich Hérancourt's im kühlen
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| Grunde auf, wo sie im Ferienheim der Diakonissen auf 3 Wochen untergebracht sind, bis sie hoffen, in der eignen Wohnung miteinander hausen zu können. Hanna war recht herabgestimmt, da sie ja gehofft hatte, nun nach ¾ Jahren mal wieder "nach Hause" zu kommen. Aber vorhin (Sonntag um ½ 6) fand ich die Beiden dort ganz zufrieden eingerichtet und in gutem Fahrwasser. Von mir zu ihnen ist ein strammer Anstieg von 20 Minuten, aber glatter Weg, sodaß ich sie noch öfter besuchen kann. Im Laufe dieser Woche werde ich aber zunächst in die Krehlklinik gehen. – Überall sind Patienten zu besuchen; auch Frl. zur Nieden liegt dort, mit Lungenentzündung, kann noch niemand empfangen. – Bei Buttmis habe ich Deine Grüße ausgerichtet. Aber denke Dir, am Freitag nach der Heimkehr abends von Hedwig Mathy habe
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| ich vergessen zu dem gewohnten Leseabend zu gehen! Es ist mir jetzt bei genügender Heizung abends doch am behaglichsten zu Haus. Die bestellten Kohlen sind gekommen und ich heize so gut ich kann; ich muß nach der langen Pause erst wieder mit dem kleinen Ofen bekannt werden, den man nicht auf einmal genügend füllen kann. Aber ich habe die Fenstermäntel vom Speicher geholt und mache nachts die Läden zu, das hält die Wärme zusammen.
So verlaufen meine Tage mit lauter alltäglichen Nützlichkeiten. Abends habe ich durch eine Zeitungsnotiz veranlaßt Jürg Jennatsch vorgeholt und bin gepackt von der lebensvollen dramatischen Darstellung des politischen Ablaufs jener uns so verwandten Zeit, über die ich früher so verständnislos hingelesen hatte. Wird auch uns ein Retter erstehen?
Ein Brief von Walter sagte, daß es in Heidelberg mit mir "wunderschön" gewesen wäre. Das war mir tröstlich zu hören, denn
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| ich fürchtete, er hätte mich etwas wenig zugänglich gefunden und er war doch mein Besuch. Wie es scheint, habe ich ihn aber etwas zuviel in der Gegend herumgehetzt, denn er ist erstaunt über meine Unermüdbarkeit, der er nicht mehr ganz gewachsen sei.
Dir habe ich davon ja auch wieder eine Probe geliefert, die sich sehen lassen kann, und die mir entschieden besser bekommen ist als meinen armen verkratzten Schuhen! Auch der zurückgebliebene Wein war ein Genuß, und ich habe ihn natürlich auf Dein Wohl ausgetrunken. Ich hoffe, daß Du davon gute Wirkung gemerkt hast?
Und so denke ich mit Dankbarkeit an die schönen Stunden unsrer Wanderung und die behaglichen Abende, die Du mir geschenkt hast. Halte Dich gesund und sorge, daß der Katarrh sich bessert. Treibe die Arbeit mit Maßen und laß mich bald Gutes von Dir hören.
Sei innig gegrüßt und grüße auch beide Hausgenossen von
Deiner Käthe.