Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. November 1950 (Heidelberg)


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<Brief-Schluss fehlt, bricht mitten im Satz ab>
Heidelberg. 9. Nov. 1950
Mein liebes Herz!
Mit einem kleinen Gruß möchte ich Dich doch in dieser ersten Semesterwoche noch erreichen; ein längerer Brief, der eigentlich schon seit deinem Hiersein fällig wäre, hätte im Augenblick wohl eher etwas Störendes! Über deine lieben Zeilen vom 6.XI. habe ich mich herzlich gefreut. Ich hatte schon Sorge, Du wolltest mich wegen meines angeblichen Nichtschreibens neulich mit Vergeltung strafen. Aber Du weißt wohl, daß ich bei einer verlängerten Wartezeit weit mehr beunruhigt bin als Du!, wenn ich
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| es auch nicht immer zugestehe.
Ob wohl die Studenten sichtbare Notiz von deinem nunmehr freiwilligen Berufsverhältnis nehmen? Wenn sie darüber Bescheid wußten, haben sie es bestimmt getan, denn sie wissen es, was sie an Dir haben. Das merke ich auch an der kleinen Held, die ich heute zum zweitenmal besuchte. Sie versichert, daß es ihr ein wenig besser ginge, und wir hatten ein gemütliches halbes Stündchen miteinander. Die Eltern kämen selten, und auch die Mannheimer Tante war ausgeblieben, da war mein Besuch <unleserliches Wort>.
Dagegen fand ich im Zimmer von Frl. z. N. schon mehrere Leute anwesend und drückte mich gleich wieder, da eine Patientin, die nach ernster Krankheit wieder stundenweise außer Bett ist, nicht angestrengt werden soll.
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| Ich fand sie aber auch in der Besserung, wie wir es von deinem Schützling hoffen wollen.
Ebenso geht es mir mit unsrer Irmgard, Hermanns Ältester. Sie ist nun wirklich in Behandlung des Arztes, der mit Erfolg eine neue Behandlung versucht, und zwar dabei medicinisch anerkannt ist. Schon vor Jahr und Tag machte ich Hermann und Ruges darauf aufmerksam, aber vergeblich. Von wem sie jetzt dazu kamen, weiß ich nicht. Der bisherige Arzt hat die Krankheit seit langem erkannt, aber nicht zugestanden, weil er bei einem Patienten erlebt hat, dem er auf Befragen die Wahrheit zugestand, daß sich derselbe umgehend umbrachte. Möge nun die neue Behandlung nicht zu spät begonnen haben. Es gründet sich auf die Theorie, daß die modernen Menschen viel zu viel sterilisierte und sonst bearbeitete Nahrung zu sich nehmen und so verordnet er
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| eine möglichst auf Naturprodukte gegründete Diät, die Irmchen jetzt gewissenhaft befolgt, und an deren gute Wirksamkeit sie glaubt.
Das war mir eine recht tröstliche Nachricht, denn wir haben in der Familie zwei so grausame Fälle des Hinsterbens an dieser Krankheit erlebt. –
Überhaupt brachte mir Hermanns Besuch viel liebe Eindrücke. Der gute Mensch – (um nicht wie's in der Familie üblich ist zu sagen: "Junge") – ist die Nacht gefahren, um dadurch länger hier sein zu können, und er war trotzdem merkwürdig frisch. Er hatte eine fabelhaft vielseitige Reise gemacht, war tagelang in Schleswig bei Lehbert's (Irmgard) stundenweise mit Gisela, Dieter und dem Bruder seiner Frau zusammen, der auch krank ist, und dann noch in Godesberg bei Familie Saß. Hier kam
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| er noch vor sieben Uhr früh an und als ich ¼ nach 7 aus dem Fenster sah, kam er gerade über die Straße. Wir bleiben den ganzen Tag zu Haus, nur bei Buttmis, die ihn freundlicherweise beherbergten, machten wir Besuch und gingen dann anschließend zum Mittagessen bei uns um die Ecke in den Perkeo. Er war in ruhiger und befriedigter Stimmung, hatte durchschnittlich Gutes zu berichten und es war ein warmes Einverständnis zwischen uns. Wegen der Auflösung meines Nachlasses habe ich ihm das Dich Betreffende besonders ans Herz gelegt – mehr kann man nicht tun. Und wer weiß auch, was noch bis dahin geschieht! Von Vergangenheit und Gegenwärtigem konnten wir in Ruhe sprechen und am Montag um 12 fuhr er via StuttgartUlm von Bahnsteig 1 wieder ab, (d. h. eigentlich mit großer Verspätung.)
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Als er fort war und ich gerade in die Bahnhofstraße zurückgehen wollte, besann ich mich: was haben wir eigentlich heut für einen Wochentag? Und da fiel mir siedend heiß ein, es ist ja Montag, und soeben ist Frl. Mathy in der Peterstraße, und will bei mir essen!! Ich machte sofort kehrt, und fuhr zu ihr, die eben von dem vergeblichen Weg zurückgekommen war, und mir großmütig verzieh. Aber es ist doch schlimm mit mir und meiner Verworrenheit. Da hilft kein noch so ernster Vorsatz. –
Auf dem Bahnsteig kam noch allerlei Wichtiges zur Sprache, und da erfuhr ich auch, daß Hermann bis jetzt noch Gisela und Dieter etwas unterstützen mußte. Er hat das bisher nie erwähnt, aber ich möchte dies doch zu gerechterem Verständnis
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| seines Verhaltens gern mitteilen. Gisela hat jetzt als Vikarin ein kleines Gehalt, aber Dieter findet keine entsprechende Stellung. Er ist wohl leider durch den Verlust der Assistentenstelle in München um alle Energie gekommen.
München! – Da muß ich an Matusseks denken. Von dem jüngeren bekam ich vor zwei Tagen eine Karte von dort, die mir seine verspätete Rückkehr nach Heidelberg meldet, weil er den erkrankten Bruder pflegen mußte. Hoffentlich ist es nicht ein Rückfall der Tb., was den Patienten ans Bett gefesselt hat. Ich werde das wohl in den nächsten Tagen erfahren, wenn er [über der Zeile] Norbert hier zur Semesterarbeit wieder eintrifft.
Und sonst? – In meinem Zimmer ist immer gute Heizung, und der kleine Ofen hält immer Glut bis zum nächsten Morgen. Und abends ist immer gleiche Wärme