Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. November 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. Nov. 1950
Mein liebes Herz!
Es ist ein recht trüber Sonntag heute, umso mehr lockt er zu stiller Besinnlichkeit. Und so will ich versuchen, auch auszusprechen, was mich seit Deinem lieben Besuch im tiefsten Innern schmerzlich bewegt. Es ist das Wort von den "zwei getrennten Welten". Nicht eine Minute hat es mich seitdem losgelassen. Ich habe es Durch meine Frage ahnungslos ausgelöst und so war es von einer vernichtenden Wirkung. Aus nachtwandlerischer Sicherheit wurde ich jäh angerufen und es war, als ob der Grund meines Lebens plötzlich wankte. Was die Veranlassung zu diesem Deinem Wort gab, empfand ich als ein Unrecht an Dir und mir, das mich mit Empörung erfüllte. Ich bin mir mit absoluter Sicherheit bewußt, daß
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| ich nie, auch nicht in Gedanken, das Bestreben hatte, irgendwie störend zwischen Susanne und Dich zu treten. Aber war nicht unsre schicksalsmäßige Verbundenheit nicht [über der Zeile] schon unabhängig von ihr längst unlöslich gegründet? War ihr das nicht von allem Anfang her bewußt? Würde sie ebenso handeln, wenn wir blutsverwandt – ich etwa Deine Schwester – wären? Es kam eine große Bitterkeit über mich, die ich nur langsam in stillem Ringen und mancher schlaflosen Nachtstunde zu überwinden trachtete. Womit habe ich es verdient, daß sie, die beständig um Dich sein kann, mir die eine Woche im Jahr mißgönnt, in der ich an Deinem täglichen Leben teilnehmen durfte?
Vielleicht verstehst Du meine Ahnungslosigkeit nicht. Aber ich nahm Susannes Briefe wörtlich, die vielleicht mehr nur eine momentane Stimmung wiedergaben. Und dann – weißt Du ja – daß Liebe und Vertrauen
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| mir so absolut eins sind, daß mir Eifersucht eine Kränkung für den geliebten Menschen erschiene. Also suchte ich sie auch nicht hinter ihrem Wesen, sondern hielt mich an manche Äußerung in ihren Briefen, die mich gleichsam um Unterstützung baten, wenn sie gern Freiheit für eigne Wünsche zu haben wünschte.
Aber jetzt, wie soll ich meine Unbefangenheit wieder erlangen?! Was fordert das Leben von mir, wenn all die stille Gelassenheit, mit der ich auf jeden Anspruch verzichtete und umso tiefer in mich aufnahm, was aus freier Seele Deine immer gleiche Treue mir Beglückendes schenkte! wenn all der stille Verzicht vergeblich war? Kann es dauernd bei dieser Zerrissenheit bleiben?
Mein Herz sagt mir, das darf nicht sein! Um Deinetwillen nicht, mein Liebstes! So könnte ich nicht weiter leben und es klingt in mir der 1. Corinther 19 mit allen seinen Forderungen, wie echte Liebe sich erweist. Von 4. bis 7. Vers muß ich doch noch manches mehr beherzigen.
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Es muß auch um Dich voller Friede sein, wie ich ihn bisher so ungestört glaubte. Noch bin ich nicht so weit, wieder mit freiem Sinn an Susanne zu schreiben. Aber ich bin auf dem Wege dazu wieder das seelische Gleichgewicht zu erlangen. Wohltuend war in dieser Zeit der Besuch von Hermann, von dessen harmonischem Verlauf ich Dir ja erzählte. Dann denke ich auch an die sonnige Stunde an der Ufermauer in Neckarsteinnach; da wußte ich noch nichts von dem jähen Schlag, der mich treffen sollte. Und was hat sich denn verändert? Ich habe gesehen, daß ich mir durch eine Illusion das Leben leichter gemacht hatte, als es ist und es hat sich mit einer ernsten Forderung gemeldet.
Aber ich will meinem Confirmationsspruch Ehre machen!  —
Heute will ich diesem Brief nichts weiter hinzufügen, als die Bitte, ihn nicht als irgend eine Klage oder gar Anklage aufzufassen, sondern nur als das natürliche Bedürfnis, Dir wie immer von allem zu sagen, was mir die Seele bewegt.
Immer in der Liebe, die nicht das Ihre sucht,
Deine Käthe.