Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19./21. November 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19. Nov. 1950
Mein liebes Herz!
Habe innigen Dank für Deine geschwinde Antwort, die so ganz mit meinem eignen Empfinden zusammen klang. Ich hatte Dir ja erst schreiben können, nachdem ich in mir das Schwerste überwunden hatte. Und das Schwerste war die Unerbittlichkeit, mit der Du den Trennungsstrich zwischen mich und Susanne zogst. Du sprichst von "natürlicher Strafe" und hast wohl nie dabei bedacht, daß Du damit viel weniger sie als mich getroffen hast. Es ist wohl fast unverständlich, daß ich damals Susannes zurückhaltendes Wesen garnicht als persönliche Kränkung empfunden hatte, sondern es auf Grund mancher brieflichen Äußerung dafür nahm, daß sie gern einmal etwas Ellenbogenfreiheit für eigne Wünsche genießen wollte. Ich weiß doch aus Erfahrung
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| daß es nicht immer ganz leicht ist, mit Deinem Ungestüm Schritt zu halten. Gerade weil sie mehr feste Sicherheit in sich hat, war sie mir immer eine so glückliche Ergänzung für Dich. Aber darum sollte sie auch, was der Himmel uns durch die Verflechtung unsres Schicksals gab, neidlos ertragen können. Nach ihren Briefen hatte ich das, wie Du auch sagst, voraussetzen können, und es hat zwei Jahre unsicherer Befangenheit bei mir bedurft, ehe ich die Frage an Dich richtete, durch deren Beantwortung ich so tiefen Schmerz erfuhr. Aber es stand gleich von Anfang in mir fest: das kann das Letzte nicht sein. Und als ich wieder einen Weg vor mir sah, schrieb ich Dir, Du mein geliebter, einziger Freund, was ich durchgemacht hatte und daß ich einzig in wahrer Liebe eine Lösung sehen kann.
Ein wirklich innerliches Verhältnis mit Susanne ist seit Jahren mein stiller Wunsch. Ich habe es ihr auch ausgesprochen, aber es fand sich keine äußere Gelegenheit zum Zusammen
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|kommen und ich weiß ja auch nicht, ob sie dazu gestimmt ist. Daß Susannes Briefe immer aufrichtig waren, daran zweifle ich auch nicht, denn ich erkannte ihre unbedingte Ehrlichkeit, als ich ihr damals das "Du" anbot. Denn sie sagte: "sie wisse noch nicht, ob sie das könne." Siehst Du, das steht auch heute noch über uns. Ich hatte geglaubt, es sei überwunden. Sie hat, wie Du auch sagst, den besten Willen. Aber es entspricht nicht ihrer Natur.
Ich frage mich, was hätte ich tun können, um ihr dabei zu helfen? Was habe ich versäumt? Darum bin ich Dir extra dankbar für das versöhnliche Wort, daß Du wieder zwischen uns vermitteln willst, wie es "zu leben würdig ist für uns alle drei." – Einen Brief an sie wollte ich schon länger schreiben. Aber ohne das Erlebnis der letzten Wochen wäre er wohl äußerlicher geworden. Jetzt wird er vermutlich ein wenig früher als dieser in Tübingen sein und Dir sagen, daß ich auch zu den Menschen gehöre, die "guten Willens sind", wie die
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| Weihnachtsengel sagten. – Und Weihnachten ist nun schon wieder nahe. Was sagst Du zu diesem beigefügten allerliebsten Briefchen? Ich bin gerührt und beschämt davon, denn ich hatte doch im Sommer die Einladung im Scherz recht schnöde kritisiert. Wenn ich nun auch jetzt im Winter nicht hingehen kann, so will ich doch nicht beschwören, daß es – normale Verhältnisse vorausgesetzt – im Frühling ausgeschlossen wäre.
Es wäre über diesen Fall und manches Andere noch viel zu sagen. Auch der Carossa beschäftigt mich weitgehend. Ich lese ihn eben zum zweitenmal, denn zuerst war ich unfähig, irgend etwas aufzunehmen. Ich war nur voll Dank, daß Du ihn schicktest, sonst war mein Fühlen gelähmt.
Da meint man, mit der Liebe sei alles getan für eigenes und Andrer Glück. Und doch wachsen gerade daraus die tiefsten Schmerzen. Aber sie ersteht aus der Feuerprobe nur umso freier und schöner.

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Am Dienstag abend.
Liebes Herz, ich hätte den Brief auch gleich gestern unfertig fortschicken sollen, denn nun hat er sich unerwünscht verspätet und gibt Dir kein Bild davon, wie ich beständig Deiner gedenke im frohen Bewußtsein der Ruhe, die ich mit Deiner Hülfe wiedergewonnen habe. Es muß sich alles zum Guten wenden, dessen bin ich gewiß.
Gestern, Montag, war Hedwig Mathy zum Essen bei mir, und da war der Vormittag mit Vorbereitung ausgefüllt. Sie blieb dann natürlich zum Kaffee, und beredete mich, abend mit ihr einen Vortrag zu besuchen über den Isenheimer Altar. Das war recht interessant, aber der Abend war vorbei ohne schreiben. Heut mußte ich vormittags in die Stadt, und nach dem
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| Abendbrot war der Bruder Matussek da, vorher hatte ich noch Hérancourts in der eignen Wohnung aufgesucht und nun ist keine Zeit mehr. Drum kann ich nur noch danken für Deine mich überraschende reiche Sendung, die mich heute morgen aus dem Bett jagte. Ich hatte nach dem anstrengenden Abend die Zeit verschlafen! Du sorgst immer dafür, daß ich viel mehr habe, als ich verbrauchen kann, und es geht mir, wie dem Vogel im Hanfsamen. Ganz unzeitgemäß; aber nun kommt ja bald Weihnachten und so brauche ich nicht garzu sehr den Pfennig rumzudrehen.
Für heute nur noch viele, viele Grüße und die Bitte, die verspätete Nachricht zu verzeihen. Freue Dich mit mir an dem allerliebsten Briefchen von Hermann!
Deine
Käthe.