Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. November 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26.XI.50
Mein liebes Herz!
Ein stiller Sonntag des Gedenkens ist nun bald zuende, und ich will ihn, wie immer, mit Dir beschließen. Die Woche ist wieder viel zu rasch vergangen, und doch ist eigentlich nichts davon zu berichten. Es hat sich wieder mal ein gewisser Tätigkeitsdrang bei mir eingestellt, und damit auch eine Art Zuversicht, daß ich doch noch dahin kommen werde, die äußere und innere Ordnung gründlich herzustellen. Innerlich hat das weniger Schwierigkeiten, denn da fühle ich mich überwiegend mit Dir einig. Und äußerlich ist durch die tüchtige Monatsfrau, die jetzt zweimal in der Woche kommt, solange die Heizung nötig ist, eine gute Grundlage geschaffen. Ich bezahle dafür nicht mehr als bei Frau Moser, für die ich überdies auch noch ein Mittagessen lieferte u. die doch nur einmal 3 Stunden da war.
Innerlich klingen mir Verse im Ohr, die ich vor langen Jahren las. Vermutlich von einem
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| Dichter um die Zeit Paul Heyse's: Beklagt es nicht wenn auch mit Beben – ein Sturm durch eure Seele braust – denn krankes und gesundes Leben, die scheidet seine starke Faust –  –
So empfinde ich jetzt die Wochen tiefer Bestürzung, die Deine Äußerung in mir auslöste. Ich fragte mich –: wo war ich denn, als alle das Schmerzliche sich ereignete? Ich hatte weder Susannes Wesen als persönliche Kränkung aufgefaßt, noch eine Vorstellung, wie sehr Du davon betroffen warst. Ihren Entschuldigungsbrief verstand ich überhaupt nicht und versicherte ihr nur meine unveränderte Zuneigung. Und die, mein liebes Herz, hat sie nach wie vor, auch ohne Deine Bitte. Aber sie besteht mehr in der Idee, als daß sie in die Erscheinung träte. Ich erkläre mir den Konflikt von 48 mit dadurch, daß ich nur zu Dir gekommen war und garkeine Berührung mit ihr suchte und versuchte. Alles wäre leichter gewesen, wenn wir persönlichen Kontakt gewonnen hätten. Da liegt ganz gewiß eine
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| Schuld von meiner Seite vor.
Ich bin der festen Überzeugung, daß wir bei unsrer großen Verschiedenheit recht gut nebeneinander bestehen könnten. Ich bin so bereit, an andern anzuerkennen, was mir fehlt, und das Eigene als selbstverständlich auch bei andern vorauszusetzen. Gerade ihre feste, sichere Selbstbehauptung habe ich immer für einen großen Vorzug gehalten, und so wüßte ich Dir noch manches zu sagen. Es wäre schön, wenn das Schicksal uns noch eine gegenseitige Verständigung gewährte. – Wenn ich nicht eine so unbedingte Gewißheit von der höheren Fügung in mir trüge, dann hätte  ich in diesen schweren Wochen an dem Sinn meines Lebens irre werden können.
Mit warmer Anteilnahme habe ich jetzt das Buch von Carossa zum zweitenmal gelesen. Es war so lieb von Dir, mirs so rasch zu schicken, wenn ichs auch beim ersten Lesen eigentlich mehr nur als Narkoticum brauchte. Es hat sich der Inhalt in vielem mit meiner Münchener Zeit
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| berührt. Aber es hat mir auch gezeigt, wie eng das Gebiet war, das ich damals übersah. – Du hast mir mit dem schönen Buch, das ich im Laufe der Woche zurückschicken werde, eine große Freude bereitet. Besonders lieb waren mir auch Deine Randbemerkungen.
Endlich habe ich jetzt auch vom Speicher eine Kiste herunter geholt, in der allerlei ältere Drucksachen von Dir liegen. All das möchte ich nun einmal sichten. Auch die Bücher, die ich von dem Gestell in der Ecke vor der nassen Wand flüchtete, sind jetzt wieder an Ort und Stelle. – Ich habe schon lange Sehnsucht gehabt, das Erste, was ich von Dir gedruckt erhielt: Huttens Briefe an Luther wieder zu lesen. Damals, im Kasseler Diakonissenhaus, hatte ich garkein Verständnis dafür, und das Latein war mir ohnehin unzugänglich. Jetzt habe ich aber doch wenigstens begriffen, was es bedeutet, daß sich da Politik und Religion zusammen taten. In dem Buch von Gertrud Bäumer über die Naumburger Stifter kommt auch dieser Kampf des hohen Mittelalters lebhaft zum Ausdruck.
Doch ich möchte den Brief noch in den Kasten bringen, <Kopf> drum für heute Schluß. Mit innigen Grüßen
Deine Käthe.