Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. Dezember 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Dezember 50
Mein liebes Herz!
Dein lieber Brief und der von Susanne haben beide meinem Herzen wohlgetan. Nur etwas bekümmert mich, und das ist Dein Mißbehagen in der veränderten Amtsstellung. Ich hatte mir gedacht, es würde doch nun manche lästige Verpflichtung fortfallen und Du würdest mit dem König von Sachsen sagen: "macht euch euren Dr. allene!" Dasjenige, was Dich doch bewogen hat, das Lehramt fortzusetzen, die Einwirkung auf die jungen Menschen, das bleibt doch unverkürzt. Es ist in meinen Augen eine unerhörte Undankbarkeit der Behörde, daß man so nach der Schablone verfügte, wo man Dich doch garnicht entbehren kann. Aber so ist die Welt normalerweise beschaffen und ganz besonders da, wo viele mitzureden haben und der Einzelne anonym bleibt.
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| Inzwischen ist nun wohl der Carossa wieder bei Dir eingetroffen (Er war gerade verpackt, als der Brief von Susanne mit den beiden mißgeschätzten Messern ankam.) Das Beigefügte ist eine Heidelberger Spezialität, die ein Bäcker mit dem ominösen Namen Siefert, nach alten holzgeschnitzten Formen aus dem 18. Jahrhundert herstellt. Man nennt das Springerle und dies Herz war von jeher besonders hübsch und – sinnig! Ob es freilich in seiner unverletzten Schönheit ankam, ist fraglich.
Bei der kleinen "Heldin" war ich wieder am Donnerstag. Es trifft sich gut, daß ihre übrigen Besucher immer zufällig an andern Tagen kommen. Wir haben uns lebhaft unterhalten und sind richtig ein wenig bekannt miteinander geworden. Weißt Du eigentlich, ob irgend ein geheimer Kummer die Ursach ihres Leidens ist? Sie macht eigentlich nicht den Eindruck, sondern nur den einer ungemeinen, seelischen Zartheit. – Sie fragte mich neulich, ob ich
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| ihr was von Jean Paul leihen könnte, oder den Agathon von Wieland. Aber beides habe weder ich noch meine Bekannten. Vermutlich setzt sie in der Stille ihr Studium fort. Es liegen eine Menge Bücher auf dem Tischchen an ihrem Bett.
Im Zusammenhang damit denke ich natürlich an Héraucourts, die ganz gemütlich zusammen hausen. Man trifft sie beide immer bei lebhafter Tätigkeit. Sehr erfreut berichtete die Tochter von Deinem Brief. Ob ihre Energie wirklich die Krankheit bezwingen wird? Auf alle Fälle hat sie im Augenblick eine Zeit des Lebens nach Wunsch, und wie andre Menschen.
Von Matussek wirst Du selbst Nachricht haben, vielleicht eingehender als ich. Mir schrieb Hermann am 27. Nov. "gestern besuchten uns Paul M. und seine Braut." Der Bruder war überrascht als ich davon sprach, denn die offizielle Feier soll erst heute sein. Hoffentlich ist sie die "Richtige"!
Das trübe Wetter drückt unvermeidlich
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| ebenso wie die Zeitung auf mein Gemüt. Aber ganz innerlich ist da keine Trübung mehr, und es bedarf keiner "Kraftanstrengung", oder absichtlichen Einstellung. Wir brauchen keinen Todesfall auszudenken, um den tiefen, wahren Lebensgrund zu fühlen, auf dem wir einzig bestehen können. Die große Erschütterung, die mich erst ratlos machte, empfinde ich jetzt als einen Segen, denn sie brachte mir neue Klarheit. Man ist so geneigt, das Gute als Selbstverständlichkeit hinzunehmen. Es will alles immer neu erworben sein. Und ich glaube, auch Du hast gerade eine solche Zeit der Überwindung. Laß Dich von den widrigen Kleinigkeiten nicht bedrücken – das was Du bist, wird von den Äußerlichkeiten nicht berührt. Lebe ruhig in der Gewißheit Deiner hohen Bestimmung, die nicht in äußeren Erfolgen aufgeht, sondern in dem lebensweckenden Einfluß auf suchende Menschen besteht.
Ich möchte noch viel schreiben, wie ja meine Gedanken immer bei Dir sind. Aber <li. Rand> der Brief soll fort. Darum nur noch allerherzlichste Grüße und viel <Kopf> gute Wünsche Dir und Susanne.
Deine Käthe.