Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11./12. Dezember 1950 (Heidelberg)


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11. Dezember 1950
Mein liebes Herz!
Wie sehr hatte ich mich gefreut, als so überraschend Dein lieber Brief vom 6.XII. kam. Hattest Du doch eine längere Pause angekündigt und so suchten Dich am Mittwoch meine Gedanken abends in Herrenberg, das ich mir nördlich von Entringen denke. Inzwischen aber war schon Dein Brief unterwegs. Leider hatte er eigentlich eine sehr betrübende Veranlassung und ich spüre sehr, wie Dich die ungewisse Lage bedrückt. Mein kurzer Brief an Susanne nahm nur Bezug auf ihr eigenes Schreiben, das von der Armverletzung berichtet hatte, also nicht auf Deine näheren Angaben. Aber ich hatte doch den Wunsch ihr zu sagen, wie ich Anteil nehme. – Wie seltsam, daß Du gerade auch
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| kürzlich davon schriebst, wie schwer es ihr war, die Schwester dort allein zurück zu lassen. Die schwierige Lage jetzt, auch für Dich, ist mir sehr lebhaft gegenwärtig. Möge es sich gnädig lösen lassen. –
Sind die Besuche am Wochenende erfreulich verlaufen? Vielleicht waren sie als Arbeitsunterbrechung doch ein wenig Ersatz für die fehlende Möglichkeit zu Spaziergängen. Auch hier ist durchschnittlich sehr unerfreuliches Wetter. Aber in diesem lieben Nest sind doch hie und da ganz unvermutet plötzlich reizvolle Beleuchtungen oder Nebelstimmungen, die einen auf Einkaufswegen überraschen.
Hat sich eigentlich überhaupt irgend etwas in Deiner Amtstätigkeit vermindert? Dann wäre die vorgesetzte Behörde wirklich verpflichtet, die Emeritierung offiziell zu widerrufen. – Daß Du den Konflikt mit Herre nun definitiv
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| abgeschüttelt hast, ist mir eine rechte Befriedigung. Ich hatte an ihn gerade in diesen Tagen gedacht und zwar im Zusammenhang mit Matussek, : "Ich habe nicht zugeraten." – Aber ich mochte Dirs nicht schreiben, weil ich besorgte, es könne Dir eine unangenehme Erinnerung sein. Was er mit dem lateinischen Wort meint, kann ich Analphabet nicht verstehen.
Recht leid ist es mir, daß ich mich vergeblich auf das Thema Deiner Vorlesung besinne. Ich sollte es wohl von Rechts wegen wissen, aber mein Kopf ist so schrecklich vergeßlich und so muß ich Dich bitten, mirs zu schreiben. Es liegt mir doch viel daran.
Von meinem Eindruck des Buches von Carossa hatte ich Dir auch noch schreiben wollen. Es ist so wohltuend, wie alles sich in seiner Hand zum Ganzen schließt – aber darüber mußte man mal reden können.
Hier stehen wir eben im Zeichen von Wiechert, den Frau Buttmi ganz besonders liebt. Sie
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| selbst hat soeben recht schweren Erlebnisse in der weiteren Familie und hat es gern, wenn ich abends zu ihr komme, da Gunhild und ihr Mann öfters nicht zu Haus sind. So liest sie mir dann nach und nach die Missa sine nomine vor, während ich handarbeite. Das ist ein seltsames Buch, ein wunderbares Gemisch von sichtbarer und unsichtbarer Welt.
Für die kleine Held fand ich bei meinen Büchern "Katzenbergers Badereise". Ob das gerade sehr geeignet ist, zweifle ich. Ich kann Jean Paul nicht lesen, er liegt mir nicht. – Mit der Patientin habe ich ganz unbefangen über ihren "schlechten Appetit" gesprochen. Sie meinte, manchen Tag ginge es besser, aber dann auch wieder nicht. Sie hätte das Gefühl, daß ihr wohler sei, wenn sie weniger äße. Für die Schokolade war sie aber zugänglich. Es ist mir eine wirkliche Freude, das liebe Mädel zu sehen, und ich glaube, sie freut sich auch. Da ist wirklich kein Grund, mir zu danken.
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| Sonst gehen meine Tage in nüchterner Nützlichkeit dahin. Ich habe eine große Strickarbeit endlich fertig und jetzt müssen noch Handschuhe dran kommen, da die alten völlig zerrissen sind. – Heute war eine Witwe, Mutter von zwei erwachsenen Kindern, bei mir, deren Mann in Mannheim Schauspieler war. Sie ist völlig ausgebombt, und näht in bekannten Familien. Ich kenne sie durch Schoepffers, und auch bei Rösel Hecht hilft sie aus. Mit hat sie den sehr mitgenommenen Wintermantel wieder in Ordnung gebracht. So bin ich doch allmälig für den Winter eingerichtet. Auch mit der Heizung habe ich die besten Absichten, aber der Kohlenhändler ist weniger bereit. Noch habe ich etwas Vorrat, aber längst nicht wie früher. Es wäre auch garnicht Platz dafür im Keller. Ich finde es übrigens eine ungünstige Folge der guten Heizung, daß ich viel empfindlicher gegen Temperaturunterschiede bin, als früher, als ich gewöhnt war zu frieren.

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12.12.
Ich will den Brief mit in die Stadt nehmen, wo ich mehrere Besorgungen machen muß. Darum kann ich nicht noch mehr erzählen. Es ist ja auch nicht wichtig.
Aber ich möchte Dir doch noch einmal sagen, daß ich Eure Sorge mittrage und dankbar wäre, wenn Du mir bald etwas Besseres melden könntest. – Der trübe Himmel paßt zum Übrigen!
Herzliche Grüße an Susanne und Dir alles Liebe wie immer
Deine
Käthe.