Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17. Dezember 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. 17. Dez. 1950
Mein liebes Herz!
Der Sonntag ist – hier wenigstens – leider garnicht zum Naturgenuß geeignet, was mir Deinetwegen leid tut. Wir hatten nassen Schnee und ich genoß es doppelt, in der warmen Stube zu sitzen. Ich habe auch gestern wirklich den einen Centner Briketts bekommen, der mir für Dezember zusteht. So ist mein kleiner Vorrat doch aufgefüllt. In Leimen haben sie freiwillig Kohlenkarten eingeführt und in der Zeitung ist die Rede von Luftschutz. Das ist so die Vorbereitung der weihnachtlichen Stimmung. Im Gegensatz dazu ist in der Hauptstraße eine Überfülle von lichtergeschmückten kleinen Tannenbäumen an jedem Haus, von üppigen Schaufenstern und Reklamebeleuchtung. Auch das ist nicht geeignet, froh zu stimmen. Man will sich wohl betäuben.
Um doch etwas Gutes zu melden, kann ich Dir erzählen , daß Maria Buttmi heiratet.
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| Die Feier ist im engsten Kreise, aber ich will zur Trauung in die Kirche gehen am nächsten Sonnabend. Den Weihnachtsabend wird das junge Paar dann schon in Hamburg bei dem leidenden Vater des Mannes verleben.
Wie schnell ist dies Weihnachtsfest wieder herangekommen und wie wenig bin ich dazu gerichtet. Es blieb alles bei ungefähren Absichten und nichts wurde ausgeführt. Auch heute war mein Fleiß von wenig Erfolg. Und überhaupt ist immer so viel notwendige Arbeit, daß alles darüber hinaus zu kurz kommt.
Auch die Lektüre! Abends liegt das Neue Testament an meinem Bett und – die Zeitung! Da war im "Lokalen" in letzter Zeit etwas sehr Erschreckendes. Ein junger Mensch, den ich indirekt schon länger kenne, ist mit andern bei einem Überfall beteiligt gewesen. Er stammt aus einer tadellosen
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| alten Heidelberger Familie, ist in guten Verhältnissen, aber persönlich wie in ausgesprochener Opposition gegen den soliden, moralischen Geist des Hauses. Woher kommen solche Phänomene aus solcher Umgebung? – Woher kommt die Krankheit des Fräulein Held? Und woher die Tragik im Leben der armen Patientin in Potsdam? Ich denke viel an sie und an Susanne und wüßte gern, was Ihr weiter für Nachricht hattet.
Auch über das genaue Thema Deiner Vorlesung grüble ich. Es ist da eine dunkle Erinnerung, die ich nicht zur Klarheit bringen kann.
Gestern war ich noch spät wegen der Wäsche in Ziegelhausen. Auch da fand ich allerlei Trauriges. Frau Moser hatte miterlebt, wie im Hause ein siebenjähriges Kind tödlich verbrannte. Und meine liebe Waschfrau, die erst vor kurzem den Mann zu Tode pflegte, muß jetzt selbst in die Klinik. Das will mir garnicht in den Sinn. – Die Natureindrücke im schönen
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| Neckartal waren wie immer stimmungsvoll.
Überall, wo ich mich in letzter Zeit weniger sehen ließ, weil ich nötige Arbeit hatte, werde ich gefragt, ob ich krank war. Meine Freunde sind alle von mir gewöhnt, daß ich häufig zu ihnen komme, aber sie nicht zu mir. – Allerdings ist auch der Transport nach Rohrbach nicht gerade verlockend. Die ganze Landstraße von der Markscheide bis zur "Rose" ist aufgewühlt und nur auf einer Seite zu passieren. Die Elektrische fährt allerdings regelmäßig, und man kann auch am Eichendorffplatz aussteigen, wie gewöhnlich; aber wenn dann diese Seite drankommt, sind wir nur über Bretter zu erreichen, wie jetzt die Läden da drüben.
Jetzt werde ich vor Weihnachten wohl nicht mehr viel von Dir hören, aber ich bitte Dich doch herzlich um eine Karte mit Beantwortung meiner Fragen nach der Patientin und dem Vorlesungsthema. – Ich grüße Susanne herzlich und wünsche Dir möglichst ungestörte Arbeitsruhe und Befriedigung. In innigem Gedenken
Deine
Käthe.