Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. Dezember 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg, am Heiligabend 50
Mein liebes Herz!
Es war doch gut, daß ich das Lesen Deines lieben Briefes unterbrach, um eine ruhige Stunde dafür abzuwarten, denn heute unter dem Stern am Tannenbäumchen, der uns schon in Kassel geleuchtet hat, konnte ich es in stiller Andacht und mit dankbar – glücklichem Herzen. Möchte doch der stümperhafte Kalenderhintergrund Dir auch wenigstens annähernd das gesagt haben, was ich dabei empfand! Denn über die "heilige Fügung" in meinem Leben habe ich seit unserm letzten Beisammensein eigentlich ununterbrochen nachgedacht. Es war so wie eine Art Rechtfertigung vor Susanne in mir, denn alles, wie es zwischen uns wurde, war von mir bewußt gewollt und doch wie auf höhere Eingebung. Schon damals, als ich Dir die kleine Skizze vom abendlichen Neckartal schickte, sagte ich mir mit aller Bestimmtheit: ich darf das nur, wenn ich nichts für mich selbst will.
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| Und das habe ich auch bewußt gehalten in nun bald fünfzig Jahren! Woher diese Kraft kam, Du Lieber, das weiß ich in der Tat nicht, denn ich habe nie einen direkten Einfluß gesucht. Es ist wohl das, was mir [über der zeile] immer wie Offenbarung und Mahnung aus dem 13. Kapitel des Korintherbriefes entgegen klang. Es ist mit einem schlichten Gleichnis so, wie mit der Pflanze am Fenster, die ich seit vielen Jahren treu begieße und die wieder eine Fülle von Blütenknospen hat: ich kann nichts dazu tun! Aber das verspreche ich Dir, solange Du mich brauchst, ich will für Dich leben. – Schon ehe wir uns kannten, habe ich mal gesagt: ich möchte kein Schutzengel sein, denn ich weiß, wie viel Mühe ich dem Meinen schon in der Kindheit gemacht habe. Aber jetzt weiß ich mit Gewißheit, daß – wenn ich auch gestorben wäre, ich geistig immer um Dich sein würde. Also bitte, mein unendlich geliebtes Herz, keine Drohungen mehr mit Sterben, weder von Dir noch von mir!
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Beim Bäumchen, auf der Truhe hat sich eine Fülle von Liebesgaben angefunden, und es ist mir umso beschämender, als das Meiste von Seiten kam, denen ich kein Zeichen des Gedenkens gegeben hatte, obgleich es am Gedenken in der Regel nicht gefehlt hat. Nur z. B. Johanna Richter hat mich völlig überrascht, und besonders weil es wieder über Eure Adresse ging, da ich ihr doch meine eigne im Brief mitteilte. Auch vieles andere sind Fressalien, von denen ich heute den ganzen Tag versuche, um festzustellen, was davon am besten ist!! — Sehr erfreut bin ich über den hübschen Gedanken von Susanne mit den Goethezeichnungen. Und besonders auch über den Werfel. Ich kenne eine kleine Novelle von ihm, die mir unauslöschlichen Eindruck machte: Der Tod des Kleinbürgers. – Dieses Buch, das Du mir schenkst, erwähnt auch Carossa, und der Film daraus machte hier von sich reden. Ob Du ahntest, daß ich mir wünschte, es zu lesen?!
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Das kleine Fräulein Held hat mir bei meinem letzten Besuch, sehr zierlich verpackt, ein kleines Buch gegeben: Ina Seidel, Osel, Urd u. Schumei. Gelesen habe ich noch nicht darin. – Und sonst kamen noch manch liebe wirklich persönliche Grüße, so von Kohlers, Hedwig Mathy, Helga Saß, Hannelore Kunkel (recht wehmütig) etc. –
Heinrich Eggert schreibt mit recht unsicherer Hand von Marasmus seniles, berichtet aber nett von seinen Kindern; schickt wie immer Honigkuchen! Da bin ich so ein bißchen was wie eine Jugendliebe! – Dann natürlich Grüße und Gebäck von den Geschwistern. Die Berliner erwarten Lili mit den vier Kindern und Hermann schreibt, daß Martina Keuchhusten hatte, aber in der Besserung sei. Hoffentlich ist das wirklich der Fall. –  –
Draußen klingen die Glocken von der Christmette und ich denke Dein in weihnachtlicher Andacht und Dankbarkeit. Alles Weitere schreibe ich morgen an Susanne. Heute nur noch die Versicherung, daß ich alle Vorsicht gebrauche, um für den 1. Januar <li. Rand> intakt zu sein. Zur Erkundung auf den Bahnhof gehe ich morgen. Es wird <Kopf> schon klappen mit Mühlacker! In treuer Liebe
immer
Deine Käthe.