Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. Dezember 1950 (Heidelberg)


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Heidelberg. Am 3. Feiertag!
Mein liebes Herz!
Ich vermute Dich wohl mit Recht jetzt bei der Arbeit, den Berg der gut gemeinten Fest- und Neujahrsgrüße abzutragen, der durch seine Wucht die Freude am einzelnen Gedenken erdrückt. Da soll dieser Zettel nun mal ohne den Anspruch auf eine Antwort Dir nur ein Liebeszeichen sein. Können wir doch auf eine mündliche Antwort hoffen! — Als gestern, und wohl schon vorgestern, dieser stille unaufhörliche Schneefall einsetzte, bekam ich etwas Besorgnis; aber es ist ein so herrliches Winterbild, und wenn es nicht taut, dann wird es kein Hindernis für unser Unternehmen, denn es hat keine Schneewehen gegeben, die die Bahn unterbrochen hätten. Ich bin für jedes Wetter gerüstet.
Ich wollte, Du hättest wenigstens für Stunden den Druck der sich drängenden Verpflichtungen abschütteln können. Aber davon denke ich am nächsten Montag zu hören! Jetzt will ich Dir
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| nur von hier erzählen. Ich habe schon an Susanne geschrieben, daß ich wie immer ganz still für mich war. Aber ich bin dann nicht traurig, mein geliebtes Herz, sondern die Erinnerungen leben verklärt in mir und ich empfinde ihren Reichtum als ein unverdientes Glück. Das Höchste aber, das Heiligtum unsrer gottgewollten Verwandtschaft erlebe ich stündlich in Andacht und demütiger Dankbarkeit. Es ist, als ginge ein Pulsschlag durch uns beide.
Sehr viel liebe Grüße sind zu mir gekommen, und gestern hatte ich noch sehr angenehme Stunden bei Franzens, wo es ein gutes Essen, Kaffee und gute Musik gab. Am Freitag wird Fr. v. Buchwald (Schoepffernichte) zu mir kommen und abends Frau Buttmi und Gundel. – Jetzt muß ich mich nun auch an die Beantwortung machen, vor allem für die überraschenden auswärtigen Geschenke: Kate Silber, Johanna Richter, Prof. Zollinger, Kohlers!
Von den Büchern habe ich nur das "kleine Buch" von Frl. Held, die Seelenmalerei von Ina Seidel gelesen, um morgen davon sprechen zu können. Es ist sehr fein und voll echter Empfindung, aber wirkt auf mich etwas wie ein Narkotikum, diese Welt dunkler Gefühlsmächte.
Halten wir die Realität auch fest und treffen uns am Montag! Bis dahin Dir und Susanne sehr <li. Rand> herzliche Grüße und ihr im voraus viel gute Neujahrswünsche! Der Conradneffe <Kopf> wird mit Mutter am 10.I. zurückerwartet. Noch nicht so ganz hergestellt./ Auf gutes Wiedersehen!
Deine Käthe.