Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Januar 1951 (Tübingen)


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Tübingen, den 19. Januar 51.
Meine einzige Freundin!
Heute morgen um 8 war Vorlesung, von 16–18 Seminar. Nach solchen Tagen bin ich jetzt abends ziemlich verbraucht. Aber ich will versuchen, ob noch etwas Briefähnliches zustande kommt. Übrigens: von 14–15 gingen wir spazieren; auf der Neckarbrücke schlug S. vor, die Platanenallee zu gehen. Ich riet zur Uhlandstr. Als war am Uhlanddenkmal waren, ungeheures Krachen. Wir sahen über den Fluß, daß eine der großen alten Platanen spontan umgebrochen war, und zwar gerade an der Stelle, wo wir wohl hatten sein müssen. Passiert wäre uns kaum etwas. Denn der Baum war vom Wege fort gefallen. Aber der Schreck wäre noch viel größer gewesen.
Als ich gerade zum Seminar gehen mußte, kam ein Besuch, auf den wir schon 4½ Jahre warten: Tucki Dihlmann, die Stieftochter von Hertz. Die Familie sieht auch noch nicht klar, neigt aber
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| zu der Auffassung, daß Hertz noch lebt.
Traurig hingegen steht es im Hause meines Schulfreundes Hillgenberg, der im nächsten Monat 70 wird. Wir waren (wohl am 7.I.) dort und hörten, daß der Sohn, Architekt, 38 Jahre, der über die Festtage gekommen war, noch da wäre, weil er sich auf der hiesigen Klinik einmal gründlich untersuchen lassen müßte. Er sah etwas blaß aus. Später hörten wir: Operation erfolgt, Krebs im letzten Stadium .....
Vorgestern war ein junger Dr. med (aus Siebenbürgen) und seine Braut, ebenfalls Dr. med, zum Kaffee bei uns. Das Gespräch kam darauf, daß in der hiesigen Klinik jetzt so viele Fälle von multipler Sklerose wären. Man nimmt jetzt an, daß es sich um eine bestimmte Konstitution handelte, die dafür anfällig wäre: Symptome: Absterben der Finger, Kribbeln hier und dort, fliegende Röte, Doppeltsehen! Man könne bis jetzt nur die "Schübe" etwas retardieren.
Nun habe ich wohl genug "Erfreuliches" gehäuft. Es ist sonst nicht viel zu berichten. Ich empfinde plötzlich Tübingen als langweilig.
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| Auswärtiger Besuch kommt selten. Von der Universität löse ich mich vorbereitend. Ich habe nicht mehr das subjektive Gefühl des Kontaktes mit den Studenten in der Vorlesung. Wie es objektiv steht, empfinde ich eben nicht mehr. Und mein Interesse am Lehren läßt nach, weil ich all mein Wissen als stark persönlich gefärbt bezeichnen muß: das Wesentliche und Beste davon läßt sich nicht übertragen. Nun kommen die jungen Leute und wollen die allein richtige Philosophie hören. Die habe ich nicht. Hat sie Heidegger, Jaspers, Nicolai Hartmann? Warum dann 3 so verschiedene?
Frl. Silber schreibt von großer Kälte in Schottland und noch schlimmerer Kohlenknappheit als bei uns. Wenn Du nicht rechtzeitig Kohlen bekommen kannst, verschaffe Dir genügend Holz. Und gegen Grippeanwandlungen mußt Du immer einen kleinen Likör oder etwas Warmes im Hause haben.
Von Frl. Held erinnere ich mich nicht, etwas bekommen zu haben. Ich forsche aber noch nach. Sage ja nicht, ich hätte nichts erhalten. Du weißt ja – um Neujahr wächst mir alles über den Kopf.
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In Potsdam sind immer noch kleinere operative Eingriffe nötig. Es wird wohl noch nicht so bald mit Entlassung zu rechnen sein. Ich bin bereit, Susanne jederzeit und auf dem Luftwege reisen zu lassen. Aber der Besuch der Ostzone ist noch nach allen neueren Berichten mit so großem Wagnis verbunden, daß ich dazu nur sehr schwer meine Zustimmung geben könnte. Die Chikanen werden immer größer, und die Zugriffe auf Verwandte von Mißliebigen häufen sich.
Georg Weise sagt, seine Mutter konsumiere alle Asthmatabletten, die in Tübingen zu haben sind. Er kommt wenig heraus, wegen des Glatteises.
Morgen [über der Zeile] 12 Uhr. wollten wir nach Eyach fahren und zu Fuß nach Bad Imnau gehen, um ein sehr altes Physiologenehepaar zu besuchen. Ich bin überzeugt, daß das Weter es wieder unmöglich macht.
Ida plagt sich mit einer langwierigen Erkältung, träumt viel und immer bedeutungsvoll.
Ich habe ein halbes Dutzend Vorträge "nicht abgelehnt", die mir z. T. sehr unsympathisch sind und von denen ich noch etwas loswerden muß. Eigentlich ist jetzt alles verdrießlich.
Viel gute Wünsche und herzliche Grüße von Rümelin 12
Dein getreuester
Eduard