Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Januar 1951 (Tübingen)


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20.I.51.
abends.
M. L!  Heute früh kam Dein lieber Brief. So etwas, wie der verstauchte Fuß, beunruhigt mich immer als eine der vielen Gefahrenquellen im Heidelberger Verkehr. Nur immer langsam und ruhig! Die neue Zeichnerei wird Dich leider auch bei schlechtem Wetter hinauslocken. Denn die Aufgabe kann ja nicht warten. Es ist wenigstens warm.
Ich war heute allein bei starkem Regen in Eyach, ging aber nur bis Mühringen (mit stattlichem Schloß.) Es ist mir gut bekommen. Ich brauche dieses Wandern nicht nur als physisches Gegenmittel gegen "Überfüllung", die meiner Konstitution fremd, also gefährlich ist, sondern auch als
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| seelische Befreiung aus diesem Nest Tübingen. Wenn ich das nicht haben kann, trockne ich trotz Regen ein. Der Neckar und selbst die Ammer sind jetzt reißend.
Von der kleinen Held ist um die Festzeit nichts gekommen.
Es ist natürlich, daß mich die Universität nicht mehr ausfüllt. Man bleibt im Alter teils hinter ihr zurück, teils wächst man darüber hinaus und hat nicht mehr Geduld genug mit jeder jugendlichen Konfusion.
In Potsdam hat sich eine Phlegmone herausgebildet. Die lokale Sache hat anscheinend endlose Konsequenzen, und die Narkosen samt Schlaftabletten lähmen den Entschluß zu jeder Zukunftsentscheidung.
Innigst Dein Eduard.