Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Februar 1951 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

Geburtstag des
Vorstands 1951.
Meine einzige Freundin!
Es ist wieder der übliche "müde Freitag", an dem ich den langen Tag mit einem Brief beschließe. Aber in der Woche bin ich immer zu sehr abgelenkt.
Es hat mich gefreut, daß es wieder einmal etwas zu zeichnen gab. Denn in der Tat: wenn man garnichts mehr "muß", wird man ungelenk und unternehmungsscheu. Das Wetter war ja auch mild und hoffentlich ungefährlich. Nur Eure Elektrische ist mir immer verdächtig.
Was wählt Ihr denn? Gemeinderat? Ich dachte, die FDP sei die Intelligenzpartei und habe sie auch gewählt. Aber in Stuttgart hat sie freiwillig auf das Kultministerium verzichtet, um das Wirtschaftsministerium zu bekommen. Wir wählen also anscheinend die "Unternehmer".
Den neuen Zwischenfall in der
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| Familie Honig hat Dir Susanne mitgeteilt. Ich weiß nicht, wie ausführlich. Um ganz klar zu sehen, müßte man einmal an Ort und Stelle gewesen sein. Nach den Eindrücken per Brief, auch den Berichten (3 Briefe) von Frau Biermann, stehe ich auf der Seite v. H. Aber ein solcher Vorgang ist leider nicht reparierbar. Schon jetzt deutet sich an, daß die Gegenseite vom Feindseligen ins Dreckige gehen würde. Wenn es zu einer Klage beim Vormundschaftsgericht kommt, soll "meine große Autorität" in die Wagschale geworfen werden. Aber der allein Aktionsberechtigte ist der Gegenvormund Konrad Honig, der zwar bewiesen hat, daß er Kinder produzieren kann (bisher 6), aber noch nicht, daß er sie protegieren kann. Und ich bin von allen Gerichten so gründlich enttäuscht worden, daß ich weder Vertrauen noch Hoffnung habe.
Am Samstag waren wir bei überraschend sonnigem Wetter wieder in Eyach, gingen über den Berg durch Felldorf in unglaublichem Druck nach Bad Imnau. Dort trafen wir nur Frau Prof. Bürker. Das Ganze war eine Abwechslung. Auch
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| waren wir in einem musikalischen Lustspiel: "Der Mann mit dem Zylinderhut" (Traute Rose, jetzt Kassel.) Wenke hat eine lebendige und inhaltreiche Antrittsvorlesung gehalten.
Erika Hoffmann wird Leiterin des Kindergärtnerinnenseminars der Ev. Mission in Kassel, das in Wilhelmshöhe neu bauen wird – ich nehme an: bei der Druseltalbahn.
Es ist doch gar kein Anhaltspunkt gegeben, daß der Dr. Recknagel auch für den Fall Held zuständig ist. Die Sache der Kleinen hat immer noch nicht einmal einen Namen. Ich habe nur den Eindruck, daß man in H. nicht weiter weiß.
Die Fülle der Fastnachtsfeiern macht sich im Kolleg sehr bemerkbar, besonders heute früh. Solche Erscheinungen gab es vor 1949 nicht. Die Vorlesung soll nach meiner Intention meine reifste Leistung sein. Vielleicht ist die Distanz zu groß. Was da ist – auch Leute aus der Stadt, hört mit intensivster Aufmerksamkeit. Aber es ist nun einmal subjektiv anders als objektiv: ich gebe mit dieser Vorlesung mein akademisches Vermächtnis – eine philosophische Analyse unsrer ganzen
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| Kultur. Dafür hatte ich ein stärkeres Echo erhofft. Mein philosophischer Privatkreis hat nun wenigstens durch 2 Abgesandte um Fortführung der Zusammenkünfte gebeten. Ich war auch da – als Emeritierter – unsicher geworden.
Am 9. Februar kommt Heuß in unsre Universität. (Grund wirst Du in der Zeitung lesen.) Am 10. Februar kommt Nikuradse. Am 11. vielleicht Wachsmuth. Am 12. Soll Rektorwahl sein. (Der letzte hat sich meinem Herzen entfremdet.)
Ich bin in Deiner Schuld; suche nur nach einem günstigen technischen Weg.
Für heute muß es genug sein. Ich grüße Dich innigst. Übrigens empfehle ich, Nötiges bald zu kaufen; die Preise werden weiter steigen. Es war nur ein flüchtiger Streifen von Morgenrot.
In stetem Gedenken
Dein
Eduard.

[Fuß] Die vollständigen Fahnenkorrekturen von Q u. M. sind da.
[] Der gute Exminister Bäuerle war kurz bei uns.