Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Februar 1951 (Tübingen)


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Tübingen, den 16.II.51.
Meine einzige Freundin!
Es ist der übliche müde Freitag, aber diesmal potenziert durch Semesterschlußnöte und ein leichtes Mißbefinden. Trotzdem muß ich Dir heute schreiben. Denn in den nächsten Tagen ist alle Zeit schon vergeben.
Zunächst also: wir haben Thielicke anstelle des uns aufgenötigten alten ekligen Kamke tapfer zum Rektor gewählt, und Wenke zum Dekan. Der Wahlkampf ad 1 hat die ganze Universität aufgeregt.
Lischen Schwidtal kann doch nicht mehr jung sein; ich schätze über 50. Und da liegt dann die Schwierigkeit. Aber ich will es versuchen, sie zu empfehlen; nur darf sie nicht anti-evangelisch gefärbt sein. Am besten wäre es, wenn ich in ca 20 Zeilen einen Lebenslauf von ihr haben könnte. Als Lehrkraft käme
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| sie nicht in Frage, aber vielleicht für den äußeren Lebensbereich des Fröbelseminars.
Die Sache mit der kleinen Held hat doch etwas Mystisches. Aber vielleicht kommt da etwas in Bewegung.
Der Sohn von Hillgenberg ist operiert und kann schon ausgehn. Am 24.II. ist der 70. Geburtstag. Wir sollen hingehn; der Patient soll auch da sein. Das wird ein trüber Festtag werden.
Heute vor 8 Tagen ist Heuß hier Dr. theol. honoris causa geworden. Über die Rede sind die meisten enttäuscht. Was ich davon gehört habe, hat mich interessiert. Aber er sprach furchtbar leise, und der Lautsprecher unsrer Aula verdirbt das Letzte. Es sprach ein Gefährte von Troeltsch und Max Weber, der sich selbst als antiquiert bezeichnete.
Morgen habe ich 10 Fleißübungen, Wiedereröffnung des hiesigen Archäologischen Instituts u. nachm. Besuch vom Mathematiker Nikuradse. Sonntag fährt Susanne
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| nach Alpirsbach, ich werde durcharbeiten. Montag ist 2. Seminarkaffee im Hause.
Der Besuch von Wachsmuth am Sonntag war eigentlich das Erfreulichste in diesem Monat. Er konnte immerhin 7 Stunden hier bleiben.
Von Frau Hertz ist ein ungewöhnlich ausführlicher Brief (15.I.) gekommen; danach befindet er sich bei bester Gesundheit.
Der letzte Wiechert hat doch etwas Kränkelndes, aber gewiß seine zarten Schönheiten. Ich habe meine Besprechung der Witwe senden lassen. Ist es nicht auffällig, daß sie nie mit einem Wort reagiert hat? Nieschling hat uns jetzt ein anderes Buch von ihm geliehen.
Ich empfinde sehr Deine Schwierigkeit, etwas zu zeichnen, bei dem man nicht weiß, worauf es ankommt. Daraus bestätigt sich, daß all unser Sehen immer schon ein intellektgeleitetes Sehen ist. Mit Deinen Fahrten in die Stadt versöhnt mich der ungewöhnlich milde Winter und
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| die wiederkehrende Helligkeit.
Nach Wenkes Eindruck ist der neue Stuttgarter Minister ein wenig angenehmer Zeitgenosse.
Über den Fortgang der Kronberger Angelegenheit kann ich Dir keinen klaren Bericht erstatten. Ich habe mehrfach an Konrad Honig geschrieben und ihm das Reisegeld für die weite Fahrt nach Kronberg gesandt, damit endlich mal jemand von uns Personen und Verhältnisse mit eignen Augen sieht. Ich verlasse mich allerdings stark auf das Urteil der guten Frau Biermann, die sich in rührendster Weise um die Sache bemüht. Auf gütliche Art scheint nichts erreichbar. Die Schwester Bethmann hat ihrem Haß gegen die lebende und tote Sabine in einer Form Ausdruck gegeben, die öffentlichen Anstoß erregt hat.
Es ist heute "nicht viel mit mir los". Ich hoffe, daß Du Nachricht hast. Diese Vorfrühlingszeit ist ja immer ungünstig für das Herz. Auch Dir empfehle ich, wie jedes Jahr, Vorsicht und Mäßigung in allem, nur nicht in der Heizung und Verpflegung.
Innigst
Dein
Eduard.

[li. Rand] Wie lauten die Nachrichten von Hermann?
[re. Rand] Ich bin zum Ehrenvorsitzenden des Pest.-Fröb. Verbandes ernannt worden.
[re. Rand S. 1] Vorgestern hat Heidegger in Stuttgart einen Vortrag gehalten. Ich war eingeladen, habe aber abgelehnt. Von hier fuhr eine ganze Wagenladung hin. Alle kamen fast empört über diese Orakelei zurück. Das ist doch eine gesunde Reaktion.