Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. März 1951 (Tübingen)


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Tübingen, den 7. März 51.
Meine einzige Freundin!
Die letzte Zeit hat recht bewegte Tage für Dich gebracht: viel Arbeit, Geburtstagsbesuch und die von mir sehr beklagte neue Fußsache. Jetzt wird es hoffentlich wieder etwas ruhiger. Der Frühling ist in "unserm" Alter für den Organismus immer eine Strapaze. Ich merke ihn jedes Jahr am Herzen, aber nicht lyrisch. Deshalb bitte ich auch Dich, die Unternehmungen jetzt möglichst einzuschränken. Du hast wieder mit Deiner Arbeit viel Anerkennung geerntet. Sei nicht zu bescheiden im Fordern. Falls Du den Preis machen sollst, wäre es am besten, wenn Du die Stunden samt Wegen notiertest. 3 M pro Stunde wäre dann das Allerwenigste, und es wäre nicht nobel, wenn Du nicht darüber hinaus honoriert würdest.
Den Lebenslauf von Frl. Schwidtal habe ich mit Erläuterung an Frau Professor Erika Hoffmann gesandt. Falls sie jemanden braucht, wird sie das Angebot sich sicher sehr ernsthaft in Betracht ziehen. Hat sie keine Stelle dieser
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| Art zu vergeben, so wird sie vielleicht für den Bereich von Kassel bald Einfluß gewinnen. Ich – obwohl neuerdings Ehrenvorsitzender des Pestalozzi-Fröbel-Verbandes – habe ja leider sonst in diesen Kreisen keine Beziehungen.
Unsre Familienangelegenheiten verursachen eine Fülle von Überlegungen und Korrespondenz. In Potsdam kann der kritische Termin der Entlassung kaum noch hinausgeschoben werden. Die Behandlung kann ambulant fortgesetzt werden. Daß die linke Hand nicht wieder zu brauchen sein wird, ist leider zu vermuten. In nicht zu langer Zeit muß der Versuch einer völligen Ablösung vom bisherigen Milieu gemacht werden. Wir sind jetzt hier der Meinung, daß Günther Heß, der Landwirt, Jenny mit sanftem Zwang einfach holen sollte. Aber die Gemütsfolgen sind unabsehbar.
Konrad Honig ist ein paar Tage in Kronberg gewesen. Es scheint, daß es möglich sein wird, das Scheusal Brunhilde Bethmann als Vormund abzusetzen. Aber es spielt dabei eine Fülle von Gerüchten etc. mit, die sich brieflich nicht darstellen lassen. Schnell wird das nicht gehen. Vom Objekt, dem armen Kinde, weiß man nichts. – Beide Angelegenheiten liegen natürlich auf meiner Kasse. Aber das wäre ganz gleichgiltig, wenn beide –
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| auch nur notdürftig reparierbar [über der Zeile deutlicher wiederholt] reparierbar wären.
Am 28.II. hat das Semester geschlossen. In den letzten Stunden hob sich der Besuch der Vorlesungen wegen ihrer Aktualität wieder erheblich, so daß mindestens 300 da waren. Mein Assistent behauptete, Krüger habe auch mit dem voll besetzten Maximum begonnen, zum Schluß aber nur noch 30 gehabt. Du siehst, daß sich im Geist der Studentenschaft hier ein erheblicher Wandel vollzogen hat. Die letzten, ziemlich aufregenden Senatssitzungen dauerten 7½, bzw. bis in die Nacht 5½ Stunden. Davon habe ich mich noch nicht erholt. Ich bin z. Z. nicht auf der Höhe. Thielicke steht in gutem Verhältnis zu mir und behandelt mich fast pietätvoll.
Gestern bin ich um 8 nach Calw zu einem – ganz gut gelungenen – Vortrag mit dem Auto abgeholt worden. Um 1 machte ich mich frei und ging in Richtung auf Hirsau, bis ich es in schönem Bilde liegen sah. Dann kehrte ich um, war 1 Stunde bei Nieschling. Endlich brachte uns der nette Schulrat Schweikert in s. Auto nach Nagold. Da ist aber nicht viel los. Ich fuhr dann via Eutingen nach Horb und hatte da in der Bahn von Horb bis Rottenburg ein nettes Gespräch mit einem Hausierer, der aus der Heimat meiner Mutter stammte.
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Am 14.III. habe ich einen Vortrag im "Kaiser"kreise, dem auch Thielicke, Wenke, der General Speidel, der Journalist Siebourg und andere angehören.
Unverbindliches weiteres Programm: 3. Osterfeiertag Vortrag in Stuttgart.  31.III. Reise nach und Vortrag in Neustadt/Pfalz.  1.IV. Fahrt via Koblenz nach Weilburg.  2.IV. Vortrag dort.  3.IV. Begegnung mit LieberBerlin in Boppard.  5.IV nach Wiesbaden u. Vortrag dort.  6.IV nach Kronberg.  7.IV. nachm. Abreise nach Heidelberg.  8.IV in Heidelberg  9.IV. Heimkehr. –  13.–18.IV. hoffentlich Überlingen.
In Boppard hätte ich mich gern auch noch mit Litt getroffen. Er hat sich bei einem Fall das Knie beschädigt. Im Hintergrunde soll leider Arthritis deformans liegen (Herbst Gastein.) Anfang April hat er Vorträge im Industriegebiet. Wir "70er", besonders auch der arme Hillgenberg, lernen alle, jeder auf seine Art, daß die letzten Tropfen bitter sind.
Wolfgang Franke, sehr nett, war 2 mal zu Mittag bei uns. Seltsam: "Wolfgang, d. Prof. der Sinologie in Hamburg".
Quelle u. Meyer verschleppen, ob mit oder ohne Schuld, das Erscheinen des kl. Buches beträchtlich. Überall bemerkt man den "Rückschlag" der kurzen Blüte.
Ich habe jetzt lauter "kleinen Dreck" [über der Zeile] (auch Prüfungen) aufzuarbeiten und bin in entsprechender Stimmung. Dich aber grüße ich herzlichst u. freudigst. Sei mir ja recht vorsichtig im Eurer Dreckstraße. In Treue
<li. Rand>
Dein Eduard.

[] Helmut Kuhn (Erlangen) war auch kurz hier.
[re. Rand] Morgen werde ich im Tübinger Rundfunk v. Präsident Binder behandelt.