Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. April 1951 (Braubach/Rh)


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<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN [über der Zeile] Braubach/Rh
RÜMELINSTR. 12>

4. April 51
Meine einzige Freundin!
Du hast bisher keinen Gruß von meiner Reise erhalten; denn es ist eine mißliche Sache mit dieser Reise. Als ich sie antrat, war gerade eine Grippe bei mir in Entwicklung. Zwei Nächte faßte ich den Entschluß, alles abzubrechen und direkt nach Hause zu fahren. Aber am Morgen war (bis auf heute) das Fieber immer mäßig. So habe ich dann die z. T. recht anstrengenden Bahnfahrten ebenso durchgehalten wie 2 Vorträge absolviert (vor 350 und 300 Leuten) wie auch alle gesellschaftlichen Liebenswürdigkeiten erfahren und geleistet. Jedoch von dem reizenden Weilburg habe ich nichts gesehen.
Gestern Mittag bin ich mit Lieber bei strömendem Regen in Niederlahnstein zusammengetroffen. Wir sind jetzt in einem netten Hôtel in Brauhbach. Ich bin gestern den Rest des Tages zu Hause geblieben und werde das auch heute durchführen. Denn ich möchte, wenn irgend möglich, den Vortrag [über der Zeile] morgen in Wiesbaden auch noch bewältigen, obwohl von 800 Hörern die Rede
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| ist. Die Veranstalter haben große Unkosten dafür. Wenn am Freitag früh keine nennenswerte Termperaturerhöhung ist, soll auch noch der Rest des Programmes plangemäß abrollen. Wenn ich aber wirklich nicht mehr kann, dann will ich vorsichtshalber gleich von Wiesbaden nach Hause fahren. Kronberg und Heidelberg werden in diesem Falle baldigst nachgeholt. Komme ich also am Samstag (mit oder ohne Telegramm) nicht, so bezahle für das Zimmer, was die Leute beanspruchen.
Dir gegenüber brauche ich wohl nicht zu versichern, daß ich nicht so leicht nachgebe. Aber ich bin nun doch ein alter Mann, und das subjektive Befinden ist auch ein Faktor, selbst wenn die Morgentemperatur wenig über 37° hinausgeht. Es lagen in der Sache so allerhand Befürchtungen (z. B. Rippenfell) Aber heute ist der Hals freier, dafür ein Schnupfen von Wiesbadener (!) Dimensionen und Kopfschmerzen; seit gestern zum 1. Mal wieder Appetit.x) [li. Rand] x) Schon bei der Abreise fehlten die Kraftreserven
Also: Du bist vorbereitet. Hoffentlich war es überflüssig. Dann auf beiderseits gesundes Wiedersehn!
An diesem Hôtel kommen wohl in der Stunde 20 Züge vorüber, darunter leere Güterzüge mit 59 Wagen.
Der ganze Verlauf dieses Unternehmens war recht schwer und enttäuschend. Alle Menschen sehr nett. Innigste Wünsche und <re. Rand> Grüße Dein Eduard