Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. April 1951 (Tübingen)


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Sonntag, den 29.IV.51.
Meine einzige Freundin!
Die Vorstellung, daß Du einen Ferientag gemacht hast, hat mich mehr gefreut als die von Deinem anstrengenden Zeichnen, bei dem anscheinend von Dir gefordert wird, was zeichnerisch garnicht zu machen ist. Gut, daß Du jetzt angenehmere Aufgaben hast. Aber halte auch darin Maß. Ein hiesiger Zoologe sagte mir vorgestern, das unangenehmste Alterssymptom sei ihm die Weitsichtigkeit. Durch das Mikr. könne man nicht mit der Brille schauen; aber für die Zeichnung brauche man sie wieder.
Ich habe noch "laboriert". Aber in keinem Laboratorium. Eigentlich [über der Zeile] Endlich geht es mir wieder – seit 2 Tagen – normal, nachdem ich gegen 4 Wochen für eigentliche Arbeit verloren habe. Zur Ausfüllung der Zeit war für anregende Besuche gesorgt. Montag Mittag kam Frau Dr. Morgan. Wir sind fast volle 2
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| Tage wirklich freundschaftlich mit ihr zusammengewesen. Am 1. Nachm. nahm ich ein Auto nach Bebenhausen u. nach Waldhausen hinauf; von dort gingen wir zu Fuß. Die Blüte war leider noch immer nicht ganz heraus. Am 2. Nachm. gingen wir aufs Schloß und die Haußerhöhe. Mittwoch fuhr, vielmehr flog sie nach Zürich und ist von dort vorläufig nach Askona zurückgekehrt. Wir sprachen über die Übersetzung ihres religionsphilos. Buches, die eine hier lebende sehr sorgfältige Studentin übernommen hat, aber auch über Politisches. Den großen Krieg hält sie nicht für vermeidbar, allenfalls für aufschiebbar.
Donnerstag Nachm. fuhren wir beide nach Reutlingen zu Erledigungen. Wir gingen aber auch kurz auf den Panoramaweg. Die Blüte – wir haben ja fast nur Äpfel – war immer noch nicht auf der Höhe.
Freitag Nachm. habe ich eine Vorbesprechung für mein Seminar über Hegels Rechtsphilosophie gehabt; die Vorlesung (Kinder- u. Jugendpsych. 2 St.) kann ich erst am nächsten Mittwoch eröffnen.
Gestern war Rektoratswechsel in
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| aller Feierlichkeit und Länge (2½ Stunden) mit einer sehr merkwürdigen, fremdstiligen Rede von Thielicke. Gleich hinterher kam der schwäbische Dichter und Publizist Dr. Otto Heuschele zum Essen und blieb 4 Stunden. Es war aber ganz interessant und erfreulich – auf der Grundlage gegenseitiger Schätzung. Abends gingen wir noch zu Martha Wais, die ich sehr lange nicht gesprochen hatte.
Heute wieder Regen und früh nur 3°. Sorge mit allen Mitteln schon im Sommer für Heizung; ich nehme an, daß mit diesem Sommer auch nicht viel los sein wird.
In Kronberg sieht es so aus, als ob der Vormund Brunhilde Bethmann sich nicht wird halten können – wegen anfechtbarer Vermögensverwaltung. Und in Potsdam sieht es so aus, als ob Jenny Honig nun entschlossen sei, nach Alpirsbach überzusiedeln. Das hat natürlich formelle Schwierigkeiten.
Ich muß nun wieder anfangen zu arbeiten. Anscheinend bekommt mir das besser als das lange Sich schonen. Das Semester mit diesmal nur 4 Stunden wird keine sehr großen Anforderungen stellen. Aber zunächst stehen als Einzelvorträge bevor:
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| Himmelfahrt Nachm. für ev. Kindergärtnerinnen in Stuttgart und Mittwoch vor Pfingsten Volkshochschule Göppingen. Saarbrücken (31.V.) habe ich zu verschieben gebeten.
Für die Woche nach Pfingsten haben nicht weniger als 4 befreundete Damen sich zum Kommen, bzw. Treffen erboten. Da haben wir zunächst abgewinkt. Es ist aber möglich, daß ich zur Notgemeinschaft (qua hiesiger Vertrauensmann) nach München fahren muß. Manuskripte laufen ohne Pause ein. Zu eigner Arbeit kommt man eben als noch Lehrender nicht.
Susanne dankt herzlich für Deinen lieben Brief. Auch Ida grüßt. Und ich wünsche Dir noch ein wenig Genuß an der Blüte – wenn es bei Euch nicht so kalt ist, wie bei uns. Sehr viele hier klagen über das ungesunde Frühlingswetter, das ihnen anscheinend ebenso viel Beschwerden bereitet hat wie mir.
Innigste Grüße
Dein
Eduard.